Wandgestaltung vor der Jungbuschschule in Mannheim

Im Folgenden wird eine Mitteilung an die Jungbuschschule und das Ministerium für Integration Baden-Württemberg bezüglich der Wandgestaltung vor der Jungbuschschule dokumentiert:

Sehr geehrtes Kollegium der Jungbuschschule,
Sehr geehrte Mitarbeiter*innen des Ministeriums für Integration Baden-Württemberg,

ich beschäftige mich im Rahmen meines Studiums der Sozialwissenschaften mit Gentrifizierung und Rassismus im Mannheimer Stadtteil Jungbusch. Dabei ist mir die Wandgestaltung vor der Jungbuschschule aufgefallen.

Auf der Website der Schule heißt es dazu:

Institutioneller Rassismus an der Jungbusch Schule

In Zusammenarbeit mit der im Stadtteil ansässigen Initiative ‚Jedermann-Die Mitmachkunst‘ wurden entlang des Schulgeländes die Wände neu gestaltet. Alle halfen mit – Kinder, Lehrer, Erzieherinnen, Eltern Stadtteilbewohner. Zur Komplettierung des Konzeptes UNSERE SCHULE – UNSER STADTTEIL – UNSERE STADT stellte der Besitzer des Nachbargrundstückes auch noch eine Mauer zur Verfügung. Das Gemeinschaftswerk entstand während des Schulfestes und des Stadtteilfestes 2011.

Rassistische Wissensbestände sind tief in der Gesellschaft verankert. Sie beeinflussen unser tägliches Handeln und Denken. Auch ich würde mich nie von Rassismus frei sprechen und reflektiere daher mein eigenes Denken und Wirken. Ich möchte ihnen mitteilen, dass ihre Wandbilder, die scheinbar durch den ganzen Stadtteil gestaltet wurden, und das wahrscheinlich in der Absicht, dass sie ausdrücken: „Egal wie du aussiehst“, auf rassistischen Wissensbeständen aufbauen. Sie sind sicher nicht in jedem Punkt mit mir einig – aber ich möchte meine Auffassung begründen (Schauen sie sich dazu das im Anhang gesendete Bild an):

Alle Personen auf dem Bild wurden mit der selben Farbe gemalt – außer drei.

Alle Personen auf dem Bild haben blaue Augen – außer drei – eine davon hat keine Augen.

Es gibt selbst viele biologische Argumente, die dafür sprechen, dass diese Darstellung falsch ist – auch wenn sie vielleicht abstrahiert sein mag. Diese möchte ich jedoch nicht in die Waagschale werfen, da ich ein egalitäres Menschenbild einem biologistischen bevorzuge. Ich argumentiere mit Vorurteilen, Stereotypen, Rassismus und geschichtlicher Verantwortung.

In Hafenstädten haben wir es besonders häufig mit kolonialistisch geprägten Stereotypen zu tun. Europa und vor allem Deutschland entziehen sich bisher sehr erfolgreich der eigenen Kolonialgeschichte und deren Einflüsse auf die Gesellschaft. Ob es sich um Massenmorde handelt, Ausbeutung und Sklaverei oder eben die Bilder über andere, die bis heute in den Köpfen vieler fest verankert sind. Als Striche dargestellte Augen stehen in der europäischen Gesellschaft für Hinterlist. Diese Zuschreibung ist rassistisch – und dennoch tradiert sie sich von Generation zu Generation. Haben sie schon einmal von der „gelben Gefahr“ gehört? Es handelt sich ebenso um ein rassistisches Stereotyp, das in der Gesellschaft immer noch weit verbreitet ist. Ich habe übrigens auch noch nie schwarze Augen gesehen, die hier im Vergleich zu den blauen dargestellt sind, allerdings habe ich im Hamburger „Museum für Völkerkunde“ in Berichten von kolonialen Unternehmungen gelesen, dass es angeblich „pechschwarze Augen“ gibt.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich mit der Darstellung vor ihrer Schule abfinden. Ich bin jedoch überzeugt, dass diese Darstellung auch viele Menschen verletzt. Ich bin mir sicher, dass die Wandgestaltung einer Bildungsinstitution dazu beiträgt, dass sich diese falschen Bilder weiterhin im kollektiven Gedächtnis halten. Mich würde sie davon abhalten mein Kind an der Jungbuschschule anzumelden. Ich würde mich fragen, wird an ihrer Schule unverhohlen (wie an vielen anderen Schulen und Kindergärten in Baden-Württemberg) das rassistische Lied „Alle Kinder lernen lesen“  gesungen? Wird im Unterricht über „Eskimos“ und „Indianer“ gesprochen? Sind ihre Kolleginnen und Kollegen sensibilisiert für rassistische Äußerungen im Unterricht?

In Bundesrepublik wird gerade intensiv über „Willkommenskultur“ gesprochen. Die antimuslimisch-rassistischen Aufmärsche in vielen Städten, der Hass gegenüber Sinti und Roma und die Vorurteile gegenüber Asylbewerber*innen sind weit verbreitet und kommen nicht von ungefähr. Auch sie basieren auf rassistischen Wissensbeständen innerhalb der Gesellschaft. Tragen sie ihren Teil dazu bei, dass sich in Mannheim und Baden-Württemberg alle Menschen willkommen fühlen und überdenken sie die Wandgestaltung. Ich würde, wenn ich sie wäre, diese Wand mit den Kindern neu bemalen. Sicher hatten die Kinder Spaß dabei und es wird ihnen auch erneut Spaß machen – dann aber bitte ohne rassistische Darstellungen.

Mit kritischen Grüßen
Moritz Krauß

Ich empfehle ihnen zudem diesen Artikel:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-02/wir-sind-keine-schlitzaugen

Der Ver­sand der Mail an buergerreferent@intm.bwl.de und jungbuschschule.direktion@mannheim.de erfolgte am 14.01.2015 um 10:20 Uhr.

____________________________________

Am 05.02.2015 um 13:20 Uhr traf eine Ant­wort des Minis­te­ri­ums für Inte­gra­tion Baden-Württemberg ein:

Vie­len Dank für Ihre E-Mail vom 14.01.2015, in der Sie auf ein Wand­bild der Jung­busch­schule in Mann­heim hin­wei­sen. Lei­der wird sich die Bear­bei­tung Ihrer Anfrage noch etwas ver­zö­gern. Ich möchte Sie daher noch um etwas Geduld bitten.

Am 16.03.2015 um 13:41 Uhr traf dann nach zwei Monaten eine längere Antwort vom Ministerium für Integration Baden-Württemberg auf meine erste Nachricht ein:

Ich nehme Bezug auf Ihre E-Mail vom 14.01.2015 und unsere Zwischennachricht vom 05.02.2015. Wir haben die Zeit benötigt, um Kontakt mit der Leitung der Jungbuschschule aufzunehmen und ihr Gelegenheit zu geben, ihre Sicht darzustellen.

Danach können wir feststellen, dass die Wandgestaltung vor der Jungbuschschule in Mannheim offenbar unterschiedlich interpretiert werden kann. Absicht der Schule ist es, bildhaft auszudrücken: „Egal wie Ihr ausseht und egal wo Ihr herkommt, Ihr seid hier alle willkommen – wir machen keine Unterschiede“. In diese Richtung weist auch das uns übersandte pädagogische Konzept der Schule, das von gemeinsamen pädagogischen Werten ausgeht und auf den Grundsätzen
– Positiv und respektvoll miteinander umgehen – Gemeinschaft leben und erleben
– Erfolgserlebnisse und individuelle Stärken fördern – Persönlichkeit stärken und Selbstbewusstsein aufbauen
– Benachteiligung ausgleichen – Integration fördern
– Lernumgebung gestalten – Individuelles Lernen und kontinuierlichen Lernfortschritt ermöglichen
basiert.

Weil im Einzugsgebiet der Schule sehr viele Familien mit Migrationshintergrund leben, sieht sich die Arbeit an der Schule vor große Herausforderungen gestellt. Dabei sind die Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen sowie die Schulsozialarbeiterin der Jungbuschschule sehr engagiert. Deren Tätigkeiten erschöpfen sich nicht in der Wissensvermittlung, sondern sie unterstützen die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern auch außerhalb des Unterrichts. Ein Teil der Eltern hat keinen Bezug zum deutschen Schulsystem, ein anderer negative Erfahrungen aus der eigenen Schulbiographie. Die Kinder kommen teilweise im Alter von 8 oder 9 Jahren und bringen keine oder nur geringe schulische Bildung mit. Hier geht es auch darum, den Kindern Verlässlichkeit zu geben, Selbstvertrauen der Kinder und Vertrauen der Eltern in die Schule aufzubauen und zu stärken und Benachteiligungen auszugleichen. Die Schulsozialarbeiterin unterstützt beispielsweise auch Familien bei Behördengängen, Anträgen und Arztbesuchen. Das Engagement der an der Schule Tätigen ist sicherlich überdurchschnittlich.

Vor diesem Hintergrund scheinen Zweifel an den Unterrichtsinhalten und der Sensibilität der Schule gegenüber rassistischen Einstellungen unbegründet zu sein. Die Schulleitung ist aber bereit, mit Ihnen einen persönlichen Termin zu vereinbaren, damit Sie sich direkt vor Ort ein Bild vom Engagement der Schule machen können. Sie können die Schule telefonisch unter 0621/293-3032 erreichen.

Diese Antwort war für mich nicht in Ordnung, daher setzte ich ein neues Schreiben auf und verschickte es am folgenden Tag (17.03.2015):

Diese Antwort geht leider an dem von mir gemeldeten Problem vorbei. Ich sage nicht, dass in der Schule schlechte Arbeit geleistet wird. Ich hoffe, dass niemand dort rassistisch ist. Das kann ich nicht beurteilen – will ich auch gar nicht. Ich muss mir für eine Beurteilung auch kein Bild über das Engagement vor Ort machen. Ich finde es gut, wenn es ein pädagogisches Konzept gibt, dass sich gegen Rassismus ausspricht. Dabei ist es auch unwichtig, ob „im Einzugsgebiet der Schule sehr viele Familien mit Migrationshintergrund leben“. Ich arbeite im Rahmen meines Studiums an einem qualitativ empirischen Forschungsprojekt. Dazu habe ich den Stadtteil eine Woche lang beobachtet. Das Bild vor der Schule ist nur ein kleiner Teil meiner Beobachtungen. Ich habe vor Ort auch rassistische Kontrollen beobachtet usw.

Das Bild vor der Schule folgt schlicht rassistischen Wissensbeständen über das Aussehen von Menschen, die an Rassentheorien angelehnt sind. Das Wort „Schlitzauge“ gilt als rassistisch und wird von Menschen vermieden, die antirassistisch leben möchten. Sicher würde die Schule sich dieses Wort nicht an die Wand schreiben. Sicher würde ihr Ministerium das Wort nicht verwenden. Die Darstellung vor der Schule gibt diesem Ausdruck jedoch eine Projektionsfläche. Ebenso die Darstellung in gelber Farbe!

Das Wandbild ist ungeeignet um zu zeigen „Ihr seid hier alle willkommen – wir machen keine Unterschiede“. Um es drastisch auszudrücken, sagt die Darstellungsweise: „Gelbe Haut, Schlitzaugen.“ Jeden Tag: „Gelbe Haut und Schlitzaugen“. Willkommen an einer Deutschen Schule „Kind mit gelber Haut und Schlitzaugen“ und daneben freuen sich die Kinder mit „rosa Haut und runden blauen Augen“.

Es würde reichen den Artikel Rassentheorie (http://de.wikipedia.org/wiki/Rassentheorie) auf Wikipedia zu lesen, um zu merken, dass diese Darstellung ungeeignet ist. Ein Beispiel dazu:

„Carl von Linné, der Begründer der biologischen Systematik, unterteilte in der ersten Auflage von Systema Naturae (1735) die Menschen nach ihrer geographischen Herkunft in die Varietäten Europäer, Amerikaner, Asiaten und Afrikaner. Zusätzlich gab er noch jeweils eine Hautfarbe an, die er jedoch in den späteren Auflagen des Werks mehrfach änderte. Ab der 1758 erschienenen 10. Auflage ordnete er außerdem jeder der vier Varietäten ein Temperament und eine Körperhaltung zu: Den roten Americanus bezeichnete er als cholerisch und aufrecht, den weißen Europaeus als sanguinisch und muskulös, den gelben Asiaticus als melancholisch und steif und den schwarzen Afer als phlegmatisch und schlaff. Die Einteilung nach Temperamenten fußte noch auf der antiken Vier-Elemente-Lehre und der an diese anschließenden Lehre von den vier Körpersäften, und sie war somit essentialistisch und nicht empirisch.“

Das in der heutigen Gesellschaft immer noch weit verbreitet ist, dass es „schwarze, gelbe, rote und weiße“ Menschen gibt, sind die rassistischen Wissensbestände, die ich hier anspreche. Ich kann nicht glauben, dass in einem Ministerium unter einer grün-roten Regierung scheinbar keine Schulungen zum Thema Rassismus stattfinden. Sie haben doch sicher Mittel dafür.

Umso mehr ich an die Darstellung vor der Schule denke, frage ich mich, ob hier nicht sogar gegen AGG §3 (3) verstoßen wird:

„Eine Belästigung ist eine Benachteiligung, wenn unerwünschte Verhaltensweisen, die mit einem in § 1 genannten Grund in Zusammenhang stehen, bezwecken oder bewirken, dass die Würde der betreffenden Person verletzt und ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.“

Meiner Meinung nach ist ein Rückgriff auf die Rassentheorie in der Darstellung von Menschen eine unerwünschte Verhaltensweise, die sich auf genannte Kategorien bezieht und bewirkt, dass die Würde von Personen verletzt wird und die Darstellung zusätzliche Anfeindungen nach sich zieht. Denn die anderen Schüler*innen gehen auch jeden Tag an diesem Bild vorbei und merken sich, was dort abgebildet ist. Eine nächste Generation eignet sich rassistisches Wissen an…

Bevor ich den Fall an die Presse und antirassistische Initiativen gebe, biete ich ihrem Ministerium und der Schule erneut die Möglichkeit Stellung zu nehmen. Für mich aus meiner Perspektive steht fest: Das Wandbild vor der Schule ist institutioneller Rassismus. Wenn sie das im Ministerium für Integration im Referat Grundsatzfragen und Koordinierung, Antidiskriminierung nicht so sehen, dann ist auch dies institutioneller Rassismus – sicher das Gegenteil von dem, was sie eigentlich bewirken möchten.

Am 18.03.2015 sendete ich weitere Hinweise, weil ich mich sehr über die Antwort des Ministeriums aufregte, aber die Hoffnung noch nicht verloren hatte:

Ich empfehle dazu diese Geschichte aus Berlin als Vergleich:

http://www.korientation.de/2014/02/08/offener-brief-wir-sind-keine-schlitzaugen-heimathafen-neukolln/

Diesen Artikel:

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-02/wir-sind-keine-schlitzaugen

Es braucht nicht immer erst Menschen, die sich persönlich verletzt fühlen. Es sollte auch reichen, wenn andere auf Diskriminierung im Alltag hinweisen.

Am 23.03.2015 erreichte mich eine erste Antwort des Ministeriums:

Vielen Dank für Ihre E-Mails vom 17. und 18. März 2015. Wir haben sie an die Schule weitergeleitet und werden mit dieser erneut das Gespräch suchen. Anschließend kommen wir wieder auf Sie zu.

Ich dachte, dass es vielleicht helfen würde, wenn ich mich für die bisherige Kommunikation bedanke und weitere Hinweise gebe und sendete am selben Tag:

Danke, das sie mein Anliegen ernst nehmen. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist der Rassismus gegenüber Asiatinnen und Asiaten bisher ungenügend erforscht.Ich habe hier noch einmal zwei Links zur Beschäftigung damit:

http://german.china.org.cn/meinchina/2009-09/18/content_18550628_2.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Humoralpathologie

Am 20.04.2015 erreichte mich die endgültige Absage seitens der Schule über eine Mail des Ministeriums:

Wir haben erneut Kontakt mit der Jungbuschschule in Mannheim aufgenommen. Die Schulleitung teilte uns mit, dass sie das von Ihnen wiederholt kritisierte Wandbild so belassen möchte wie es ist. Diese Entscheidung obliegt allein der Schule und unterliegt nicht der Aufsicht des Ministeriums für Integration.

Aus Anlass Ihrer E-Mail vom 17. März 2015 weisen wir Sie abschließend auf das Informationsangebot des Ministeriums im Internet hin. Unter http://www.integrationsministerium-bw.de/pb/,Lde/Startseite/Antidiskriminierung sind unsere laufenden Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung dargestellt.

3 thoughts on “Wandgestaltung vor der Jungbuschschule in Mannheim

  1. Am 05.02.2015 um 13:20 Uhr traf eine Antwort des Ministeriums für Integration Baden-Württemberg ein:

    „Vielen Dank für Ihre E-Mail vom 14.01.2015, in der Sie auf ein Wandbild der Jungbuschschule in Mannheim hinweisen. Leider wird sich die Bearbeitung Ihrer Anfrage noch etwas verzögern. Ich möchte Sie daher noch um etwas Geduld bitten.“

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