Rassifizierung und Stereotypen: Einer wie alle – alle wie einer?

Eins, da können wir sicher sein, eint alle Rassismen – sie sind falsch. Um sie jedoch an die Oberfläche zu befördern ist eine differenzierte Betrachtungsweise notwendig. Oft haben wir es in Diskussionen über Rassismus mit einer Täter*in/Opferumkehr zu tun, welche das Erkennen von rassistischen Stereotypen im Alltag erschwert. Die rassistisch argumentierende Person (Täter*in) stilisiert sich oder eine vermeintliche Gruppe dabei als Opfer. „Mit der Verbreitung des Erklärungsmusters der desintegrativen ‚Ethnizität‘ hat sich eine alarmistische Sichtweise etabliert, welche dazu tendiert, die Ursache des Rassismus in seinen Opfern zu sehen.“1 ‚Ich bin kein Rassist, ich habe auch ausländische Freunde‘, ‚meinst du ich bin ein Nazi‘ und ‚ohne, dass du das jetzt rassistisch verstehst, aber die…‘ sind nur einige Beispiele dafür. Dabei ist fast jede Person durch rassistische Äußerungen schon einmal Täter*in gewesen. Um Rassismus zu erkennen und zu benennen bedarf es der Reflexion der eigenen Handlungen und des eigenen Umfelds, die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und der kritischen Auseinandersetzung mit rassistischen Wissensbeständen innerhalb der Gesellschaft.

Personeller und institutioneller Rassismus

Der bereits angeklungene alltägliche und personelle Rassismus verschiedener Akteur*innen vom rechtsextremen Neonazi bis selbst zu Personen, die sich selbst als linksradikale Antifaschist*in verstehen, ist nicht die einzige Erscheinungsform des Rassismus. In Gesellschaften existiert Rassismus auch strukturell ausgehend von Institutionen und damit exkludierend von gesellschaftlicher Teilhabe. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn vermeintliche Nichtzugehörigkeit den Zugang zu Beschäftigung, Wohnung oder Bildung einschränken. Mit Institutionen sind beispielsweise auch Polizei oder Gerichte gemeint, bei denen Ungleichbehandlung immer wieder beobachtet werden kann.2

„Rassismus schafft eine ‚Realität der Ungleichheit‘ (Susan Arndt, 2001), beeinflusst die gesellschaftlichen Strukturen, indem er Marginalisierung hervorruft, Gleichberechtigung aberkennt und den Zugang zu gesamtgesellschaftlichen Ressourcen verhindert. […] Dazu ist eine Auseinandersetzung mit Rassismus als ein Phänomen in der Mitte der Gesellschaft, unter Einbeziehung bestehender Dominanzverhältnisse, notwendig. Birgit Rommelspacher (1995) prägte den Begriff der ‚Dominanzkultur‘ und entwickelte dabei theoretische Grundlagen für die Erforschung struktureller Diskriminierung und dominanzkultureller Aspekte des Weißseins. Weißsein ist in Deutschland mit Deutsch-sein gleichgesetzt. Formen der Ausgrenzung – wie die des Rassismus – erklären sich durch die dominanten kulturellen Normen und Vorstellungen der Weißen deutschen Gesellschaft.“3

Kulturalismus und Stereotype

Aktuell kommt es häufig vor, dass Rassismen in ‚das wird man ja wohl noch sagen dürfen‘ Manier als Kulturalismus auftreten. Dabei werden vermeintlichen Kulturen gewisse Stereotype zugesprochen. Diese vermuteten Merkmale und Verhaltensweisen werden täglich in Abgrenzung zu vermeintlichen lokalen, nationalen oder kontinentalen eigenen kulturellen Identität als anders oder fremd herausgestellt. Dazu kann auch die religiöse Identität gezählt werden.

Auf der einen Seite steht dabei die Deutungshoheit über Kultur, ob mit Ethnofimmel gedacht als ‚farbenfroh‘, ‚bunt‘ oder ‚multikulturell‘ (‚positiver‘ Rassismus, Exotisierung), auf der anderen als ‚dreckig‘, ‚fremd‘ oder ‚gefährlich‘ (Abwertung, Gefahr, Panik). Dazu kommt die Vermarktung und Eventisierung dessen, was ‚eigene Kultur‘ darstellen soll. Das Moment der Aufteilung in eine Eigenkultur und Fremdkulturen gilt es zu untersuchen und zu hinterfragen.

Die Festlegung der Gruppenzugehörigkeit erfolgt auf Grundlage von Stereotypen, festgeschriebenen Merkmalen. Diese „Festlegung vermeintlich typischer Charakteristika für eine Gruppe wird den Einzelnen, die ihr zugeordnet werden, nie gerecht. Dabei ist irrelevant, welche Inhalte damit verbunden werden, denn Grundlage der Einschätzung Einzelner ist stets ein Bild von deren eingebildeter Gesamtheit“4. Mit der Kategorisierung von Körper, Verhalten, Charakter oder anderen angeblichen Merkmalen und Eigenschaften erfolgt die Differenzierung in das eigene und das andere beziehungsweise das Fremde. Heterostereotyp wird dieses „Fremdbild, Fremdstereotyp, die starre und feststehende Vorstellung oder Meinung“5 über eine Fremdgruppe genannt. Theodor W. Adorno hat dazu einmal geäußert:

„Das entspricht genau der Theorie, die die Soziologie hat von der Eigengruppe und der Fremdgruppe, wo dadurch, daß man gegen eine Fremdgruppe Affekte mobilisiert, die Eigengruppe umso dichter zusammenschweißt und andererseits die Eigengruppe umso dichter zusammenschweißen muß, damit sie ein wirksames Instrument im Kampf gegen die Fremdgruppe ist.“6

Das bedeutet, dass bei Konfrontation mit Personen, welche vermeintlich einer Fremdgruppe angehören, bei Personen der Eigengruppe eine heftige Erregung und psychische Abgespanntheit ausgelöst wird. Dies kann entweder dazu führen, dass die Angehörige der Eigengruppe rassistische Gedanken hat oder es zu einem rassistischen Übergriff kommt. Ein Übergriff kann dabei sowohl ein abfälliger Blick, eine Beleidigung aber auch ein körperlicher Angriff sein. Mobilisieren mehrere Mitglieder der Eigengruppe zugleich Affekte gegen Angehörige der Fremdgruppe kann es zu weitaus heftigeren Ausbrüchen kommen.

Völkischer Rassismus und Nationalismus

In der Bundesrepublik wird an einem Konzept festgehalten, dass in Synthese mit nationalen Genesen eine Eigengruppe, die ‚Volksgemeinschaft‘, als vermeintliche ‚Schicksalsgemeinschaft‘ gleichen ‚Ursprungs‘ konstruiert und sich gegenüber vermeintlich fremden Gruppen abgrenzt. Dieser Rassismus wird auch völkischer Rassismus oder völkischer Nationalismus genannt. Seine gesellschaftliche Wirkungsweise verhält sich besonders eliminatorisch gegenüber vermeintlichen Fremdgruppen.

Im ‚Ur-sprung‘ des vermuteten Gemeinsamen erkennen wir der Wortbedeutung nach bereits eine Anlehnung an biologistische Annahmen zur Artbildung im Bezug auf den Mensch. Außerdem entsteht der Eindruck eines vermeintlichen Kausalzusammenhangs für die Entstehung verschieden lokalisierter Gruppen. Ähnliche Festschreibungen der Ur-Vorsilbe findet sich in der ‚deutschen‘ Sprache immer wieder, beispielsweise im Wort ‚Ureinwohner*In‘. Das eigene ‚Wir‘ konstituiert sich in der Sozialisation der einzelnen in der Gemeinschaft eben durch Sprache, aber auch Familiengeschichte, Herkunftsort, Bildung und in Spektakelgesellschaften auch durch Großereignisse. Solche Großereignisse sind für das ‚deutsche Volk‘ beispielsweise die ‚Nationalversammlung‘ in der Paulskirche, Reichsparteitage in Nürnberg, der Fall der Berliner Mauer, Kriegseinsätze, Naturereignisse wie Fluten oder 1954, ’74, ’90 und 2014 Weltmeisterschaften im Herrenfußball. (Mehr dazu lesen: Essay – Ihr seid das Volk). Ohne Rassismen gegeneinander aufzuwiegen ist dieser völkische Rassismus geschichtlich betrachtet der mörderischste.

Rassismus unterscheiden

Um eine Unterscheidung in verschiedene Rassismen vorzunehmen gilt es das Netzwerk aus Eigen- und Fremdgruppen zu durchleuchten. Dabei ist stets auch eine historische Einordnung notwendig, da bestimmte Stereotypen zu bestimmten Zeiten besonders dominant verbreitet sind, andere beinahe vergessen und unbewusst im rassistischen Wissensschatz der Gesellschaft überdauern.

Identitätsbildung ist die Manifestation der Eigengruppe. Allerdings unterliegt diese Identitätsbildung der bestehenden Ordnung der Kategorisierung von Körper, Verhalten, Charakter oder Merkmalen. So kennzeichnen Rassismen gesellschaftliche Machtverhältnisse, deren Wirkmächtigkeit historisch gewachsen ist. Daher ist es nicht ausreichend Rassismus festzustellen. Es gilt diesen und seine Entstehung zu erforschen und zu bekämpfen. Die in der Bundesrepublik gefestigten Rassismen sind meist postkolonial bedingt und völkisch, antisemitisch, antiziganistisch oder antimuslimisch. Vassilis S. Tsianos spricht von fünf Varianten und ergänzt „antimigrantische diskursive Konfigurationen“7. Es gibt Überschneidungen zwischen Kulturalismus und völkischem Rassismus und viele Personen sind zugleich von personellem wie auch institutionellem Rassismus betroffen. Die getroffene Aufzählung ist keinen Falls vollständig und dient lediglich der kurzen Kategorisierung von Rassismus und dessen historischen Kontext.

Für den ‚deutschen‘ Kolonialismus fühlt sich in der heutigen Bundesrepublik kaum eine Person verantwortlich. Was ein Herrschaftsanspruch auf Teile Südamerikas, Afrikas und Ozeaniens in der Gesellschaft für Bilder und Vorstellungen erzeugt hat, ist bis heute schlecht aufgearbeitet. Noch immer finden sich ‚Kolonialläden‘ und verherrlichende Erinnerungen an ‚deutsche Kolonialherren‘. Außerdem ist es bedenklich, dass weite Teile der Staatsbürger*innen weiterhin völkischen Phantasien anhängen, deren Ursprung in der Nationalbewegung und im Deutschen Reich liegen. Mit Antisemitismus meinen sich die meisten ‚Deutschen‘ hinreichend beschäftigt zu haben. Doch trotz der systematischen Zerstörung jüdischen Lebens im Deutschen Reich, existieren in dessen Nachfolgestaat noch immer antisemitische Denkmuster. Auch der Antiziganismus hat hierzulande eine traurige Tradition, die sogar soweit geht, dass heute immernoch große Vorbehalte und rassistische Stereotype weit verbreitet sind. Dazu trägt auch die derzeitige Asyldiskussion bei, während der auch Innenminister a.D. Friedrich (CSU) 2012 öffentlich gegen Roma und Sinti hetzen konnte. Antimuslimischer Rassismus knüpft an den Orientalismus aus Mittelalter und Neuzeit an und bezeichnet Rassismus gegenüber Muslimen beziehungsweise Menschen, die als muslimisch gelesen werden. Der Orientalismus und das Bild vom ‚gefährdeten Abendland‘ erfassen diese rassistischen Denkmuster. Jedoch auch weitere Ausprägungen des Rassismus wie der antimigrantische Rassismus können für GENTRIFIJUNGBUSCH interessant sein. Darunter fallen all jene Stereotype, welche gegenüber ‚Gastarbeiter*innen‘ damals und heute Menschen, die ohne ‚deutsche‘ Staatsangehörigkeit in der Bundesrepublik arbeiten, bestehen.

Die aktuelle Rassismusforschung untersucht zusätzlich den Wandel dieser Ausprägungen als „postliberalen Rassismus„:

„Ein neuer Rassismus, der ‚Postliberaler Rassismus‘ tritt das Erbe sowohl der Krise des ‚diferentiellen Rassismus‘ als auch des gegen ihn artikulierten Antirassismus an. Die neuerlich endemisch beschworenen „Grenzen der Toleranz“ bzw. eines „Scheiterns des Multikulturalismus“ tragen das unmissverständliche Signum der Transformation des Rassismus der Gegenwart. War das corpus delicti des „Neo-Rassismus“, die kulturalistische Trope der Unvereinbarkeit von Kulturen, so ist es für den postliberalen Rassismus die proaktive „Vervielfältigung der Grenzen“ innerhalb der liberalen Politiken der Bürgerschaft.“8

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Für diejenigen unter euch, welchen die Beschreibung oben zu kompliziert war, habe ich vier kurze Videos der Bundeszentrale für politische Bildung angehängt. Dazu sei gesagt, dass die Bundeszentrale für politische Bildung stets Staatstreue zur Bundesrepublik vertritt – das ist ihre Aufgabe. Achtung: In den Videos werden teilweise diskriminierende Inhalte wiedergegeben und Stereotype reproduziert.

 

Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur):

  1. Tsianos, Vassilis S. (2015): S. 57. []
  2. Vgl. Elene Brandalise (2010):  Der Landesaktionsplan gegen Rassismus und ethnische Diskriminierung in Berlin, abgerufen am 15.01.2014 um 14:46 Uhr auf http://heimatkunde.boell.de/2010/04/01/der-landesaktionsplan-gegen-rassismus-und-ethnische-diskriminierung-berlin. []
  3. Ebd. []
  4. Winckel, Änneke (2002): Antiziganismus, S. 11. []
  5. Lilli, Waldemar (2011): Lexikon zur Soziologie – „Heterostereotyp“, S. 281 []
  6. Adorno, Theodor W. (1967): „Adorno im Hymnenstreit“. 1967 TV Interview with Theodor W. Adorno conducted by Dafobert Lindlau in „Report“ Bayerischer Rundfunk, München in Word an Music Studies:Defining the Field: Proceedings of the First International Conference on Word and Music Studies at Graz, 1997 Walter Bernhart, Steven Paul Scher Rodopi. []
  7. Tsianos, Vassilis S. (2015): S. 60 []
  8. Tsianos, Vassilis S. (2015): S. 61. []

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