Rassistische Personenkontrollen im Jungbusch

Wenn das physische Erscheinungsbild einer oder mehrerer Personen als Grundlage für eine (polizeiliche) Maßnahme zur Kontrolle dient, handelt es sich oft um eine rassistische Kontrolle. Die Grundlage dafür bildet das Racial Profiling. Beim Racial Profiling erregt nicht das tatsächliche Verhalten einer oder mehrere Personen die Aufmerksamkeit von Kontrolleur*innen, sondern rassistische Kriterien wie die Zuordnung zu einer angeblich ‚ethnischen Zugehörigkeit‘ und die Verknüpfung dieser mit Stereotypen über deren angebliches Verhalten. Entscheidend ist dabei nicht in erster Linie der personelle Rassismus der kontrollierenden Person, sondern vielmehr Kriterien wie eine rassistische Asylgesetzgebung, rassistische Inhalte in der polizeilichen Ausbildung oder ein Befehl besonders auf bestimmte vermeintliche Gruppen und deren Merkmale zu achten – also der institutionelle Rassismus der jeweiligen Behörden oder Arbeitgebenden.

Das Verhältnis zwischen institutionellem Rassismus und Racial Profiling lässt sich wissenschaftlich mit Michel Foucaults Konzept der „Biomacht“ und „Gouvernmentalität“ erfassen. Diese beschreibt er als

„[…] die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.“1

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit zwei konkreten Beispielen aus dem Jungbusch: Willkürliche Personenkontrollen, die oft vordergründig mit Diebstahl oder Aufenthaltsbestimmungen begründet werden und regelmäßige Kontrollen, die auf Probleme mit ‚Schwarzarbeit‘ zurückgeführt werden. Dabei kommt es dazu, dass zur Erklärung auch rassistisches Wissen gekennzeichnet (rassistisches Wissen) wiedergegeben wird. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, diese Wissensbestände gekennzeichnet wiederzugeben und zu kontextualisieren, da in der Bundesrepublik Deutschland Racial Profiling momentan beispielsweise immer noch per Polizeigesetzes ermöglicht und Betroffene in Kontrollsituationen, die nicht immer gleich erkannt werden, Unterstützung brauchen:

Von Racial Profiling spricht man, wenn Menschen aufgrund unveränderlicher Merkmale wie Hautfarbe oder Gesichtszügen bei Polizeikontrollen überprüft werden. Racial Profiling ist nach den Grund- und Menschenrechten verboten. Paragraf 22 Absatz 1 a) Bundespolizeigesetz ermächtigt die Bundespolizei zu anlasslosen Personenkontrollen auf Flughäfen, auf Bahnhöfen und in Zügen zum Zweck der Migrationskontrolle. Auch die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) empfahl Deutschland im Jahr 2014, Racial Profiling explizit zu verbieten und Kontroll-, Überwachungs- und Ermittlungsbefugnisse stets an das Erfordernis eines begründeten Verdachts zu binden.2

Racial Profiling ist weit verbreitet und altbekannt

Rassistische Kontrollen finden vielerorts statt, ob beim Bahnfahren, auf dem Dorf oder in der Innenstadt. Aus den USA sind zahlreiche Beispiele aus den Zusammenhängen Driving While Black (bzw. Driving While Asian) oder Shopping While Black (bzw. consumer racial profiling) bekannt. In der Bundesrepublik sind es meist Kontrollen im Zug oder in der Nähe von Orten, an denen vermutet wird, dass dort illegalisierte Drogen gehandelt werden. Schlagzeilen machten auch die rassistischen Kontrollen der Hamburger Polizei seit 2013, als Innensenator Neumann wegen der Gruppe Lampedusa in Hamburg alle Menschen von Beamt*innen kontrollieren lies, die nicht nicht zum „Anteil der Menschen kaukasischen Erscheinungsbildes (rassistisches Wissen)3 passten.

Dass Neumann Politikwissenschaft an der Hamburger Militäruniversität studierte, half ihm scheinbar nicht zu erkennen, dass sein Wissen über ‚kaukasische‘ Merkmale an über 200 Jahre alte rassistische Wissensbestände, begründet 1798 von Johann Friedrich Blumenbach, angelehnt war.4 Wenn gemutmaßt wird wird, dass sich in einer Stadt viele Non-Citizens aufhalten, so betreffen die Kontrollen, um die Verstöße gegen die Aufenthaltsgesetzgebung aufzudecken, meist People of Color nur auf Grundlage ihres jeweiligen Aussehens. Die rassistischen Kontrollen sind Teil des alltäglichen und institutionellen Rassismus, der ihnen begegnet.

Der institutionelle Rassismus hat im heutigen Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland eine lange Tradition, die noch weiter zurück reicht, als die rassistischen Wissensbestände vom Ende des 18. Jahrhunderts. Bereits in der Polizei- und Landesverordnung für Sachsen und Thüringen „‚zu Wohlfahrt, Nutz und  Besten‘ der Untertanen von den Herzögen Friedrich Wilhelm und Johann im Jahre 1589“5 6 liegen die Grundlagen für antisemitische und antiziganistische Pogrome begründet. Mit der in dieser Zeit recht jungen Errungenschaft des Buchdrucks wurden die Gesetze über Wohn- und Steuersitz der Untertanen rasch vervielfältigt:

„Müßiggänger sollten in der Stadt und Land nicht gedultet, vielmehr jeder zur Arbeit angehalten und selbst Eltern, die ihre Kinder zu Hause nicht brauchten, veranlaßt werden, sie zu vermieten oder ein Handwerk lernen zu lassen. Kinder, die sich dem nicht fügen wollten, sollten einfach aus dem Ort getrieben werden. Den Juden wird im Sinne früherer Verordnungen verboten sich im Lande ‚heuslich oder sonsten nieder zu thun und zu wohnen‘; ja sie durften nicht einmal länger als eine Nacht an einem Ort weilen. Noch kürzeren Prozeß machte die alte Zeit mit den Zigeunern; sie sollten nicht nur über die Grenze gebracht, sondern ihnen auch ihr Hab und Gut abgenommen werden.“7

Hinweissammlung in der Beilstraße

Der vom Quartiermanagement (sic!) ernannte Quartiersplatz an der verlängerten Jungbuschstraße mit Blick auf den Verbindungskanal stellte sich nach genauer Betrachtung nicht als Sammelpunkt für die Anwohner*innen heraus. Vielmehr hielten sich die meisten Menschen am Tag in der Beilstraße nahe des großen Spielplatz auf. Dort befinden sich zum einen gemütlichere Sitzgelegenheiten, aber auch mehrere Cafés, Lokale und Kioske. Im Folgenden wurden mehrere Beobachtungen und Erkenntnisse zusammengefasst, die sich aus Gesprächen mit Personen in der Beilstraße, dem Herz des Jungbusch, am 21. März 2014 ergeben haben.

Stilisierte Draufsicht auf die Beilstraße in der Unterführung Dalbergstraße.

Stilisierte Draufsicht auf die Beilstraße in der Unterführung Dalbergstraße.

Ich führte an diesem Morgen nacheinander Gespräche mit einem echten Deutschen (Selbstbezeichnung – abgekürzt ab hier als D1), einem Jugendlichen mit türkischen Vorfahren (Selbstbezeichnung – abgekürzt ab hier als J1) und zwei Männern, die von sich aus sagten, dass sie die Zigeunersprache sprechen (Selbstbezeichnung – abgekürzt ab hier als M1). Alle Befragten haben mich in der Beilstraße angesprochen, weil ich mit der Kamera Bilder gemacht und mir dazu Beobachtungen notiert hatte.

D1 kam langsam mit seinem Rollator auf mich zu. Er trug ein T-Shirt eines in Baden-Württemberg verbotenen Motorradclubs und erzählte mir seine Sicht auf die Situation im Jungbusch (ab hier kursiv) und bemühte sich dabei sichtlich Schriftdeutsch zu sprechen: Hier im Busch klaue dir die 18-Jährige Ausländer des Handy aus de Hand (rassistisches Wissen). Die Bulgare sin zu viel geworden und morgens treffe die sich sich an de Jungbuschstraß vorne links und dann werden sie zur Schwarzarbeit abgeholt (rassistisches Wissen). De Busch ist gut, de Busch ist schon okay, aber hier wirst abgezockt – früher war er noch in deutscher Hand (rassistisches Wissen). Die Türke und Italiener sind in Ordnung – die Bulgaren sind zu viel geworden, da hocke se im Busch 54 (rassistisches Wissen).

КАФЕ БЪЛГАРИЯ (KAFFEE BULGARIEN) mit Bulgarischer Flagge in der Beilstraße

КАФЕ БЪЛГАРИЯ (CAFÉ BULGARIEN) mit Bulgarischer Flagge in der Beilstraße.

Das D1 rassistische Ansichten vertrat, war mir nach seinem ersten Satz bereits klar. Ich hörte ihm genau zu und nickte gelegentlich. Dass ich selbst ein T-Shirt mit antifaschistischen Aufdruck trug und er mir tatsächlich den Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft zu Protokoll gab, schien er nicht wahrzunehmen. Er schien sogar glücklich darüber, dass er sein Wissen teilen konnte. Ich beschloss später am Tag, dass es das beste sei im Busch 54 oder einem der anderen nicht deutschen Läden einen Kaffee zu trinken, um die Menschen dort zu unterstützen, die täglich von Leuten wie D1 angefeindet werden. Ich nahm mir vor am nächsten Morgen schon früh aufzustehen, um zu beobachten, was D1 mit Schwarzarbeit an de Jungbuschstraße vorne links meinte.

J1 ist mir zunächst im Gespräch mit einer Verkäuferin aufgefallen. Er regte sich darüber auf, wie schlecht die Bezahlung und das Jobangebot für ihn sei (ab hier kursiv): Gib mir 5 € die Stunde – okay, aber 20 € für 8 Stunden. Das sind 20 € am Tag – soll er doch die Bulgaren holen. Seine Gesprächspartnerin entgegnete ihm: Finde eine Wohnung, finde ein Haus, finde einen Job, finde eine Frau – du wirst älter nicht jünger. Er merkte, dass ich lachen musste, weil ich an der Kasse hinter ihm stand. Ich konnte verstehen was er meint, aber verstand nicht, warum die Bulgaren anstatt ihm für so wenig Geld arbeiten sollten. Dann setzte er sich zu mir und wir unterhielten uns:

J1 ist im Jungbusch geboren und sagte, dass er mitbekommen habe, wie sich der Stadtteil in der letzten Zeit verändert hätte. Inzwischen seien viele Italiener und Türken Richtung Neckarstadt gezogen. Im Jungbusch sind nur noch 10-15 % Zigeuner. Die Bulgaren sorgten für ein gutes Flair und würden sich gut anpassen – die Mentalität (rassistisches Wissen) stimme. Amerikaner hätten früher viel im Jungbusch gefeiert, dann sei es runtergekommen mit Gangs und Mafia und nun würden die Studierenden ständig neue Bars aufmachen. Man erkennt den Jungbusch kaum wieder. Die Neubauten würden den Flair kaputt machen und die Lofts seien schön aber unbezahlbar. Leute mit Geld kaufen Stück für Stück Wohnungen ab. Italiener hätten hier schon Häuser, Türken, Zigeuner auch und könnten für den 4-5 fachen Preis verkaufen. Manche würden lieber plätzeweiße eine Wohnung an 10-15 Bulgaren vermieten. Zum Nachtwandel kämen dann viele andere Menschen in den Jungbusch, sonst haben sie Angst vor Ausländern, denken: Hier wirst du ausgeraubt.

Sowohl D1 als auch J1 berichten allgemein betrachtet von Veränderung im Jungbusch. Beide Gespräche bestätigen, dass die Mehrheitsgesellschaft annimmt, dass ‚Ausländer‘ mehr in Diebstahl-Delikte verwickelt sind. Es bestätigt sich erneut, dass das Ste­reo­typ des ‘kri­mi­nel­len Aus­län­ders’ weit verbreitet ist. Dabei wird der Jungbusch als Ausländerstadtteil betrachtet, weshalb dort mehr Verbrechen geschehen würden. Ebenfalls häuften sich die Aussagen, dass Menschen mit bulgarischer Staatsangehörigkeit im Jungbusch zuziehen. Vermutet wird, dass die als Bulgaren bezeichnete Personen ohne Sozialabgaben (Schwarzarbeit) auf Baustellen beschäftigt würden. Auch diese Vermutung passt zum Stereotyp des ‚kriminellen Ausländers‘, denn das sog. ‚Deutsche Handwerk‘ arbeitet meist ebenfalls unter der Hand ohne Sozialabgaben, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Dennoch ist es nicht gleichermaßen mit diesem Stereotyp konfrontiert. Auch die Aussage über die Mentalität ‚der Bulgaren‘ ist rassistisch, auch wenn sie sich in diesem Fall nicht gegen sie ausspricht

Nachdem ich in einem Café einen Kaffee getrunken hatte, traf ich auf M1. Beide kamen auf mich zu und unterhielten sich in einer mir unbekannten Sprache. Beide blieben interessiert vor mir stehen und wollten wissen, was ich im Jungbusch mache (ab hier kursiv): Sie fragten direkt, ob ich ein Zivilpolizist sei. Ich musste lachen und verneinte und erklärte mein Vorhaben. Dann fragte ich, in welcher Sprache sie sich gerade unterhalten hatten. Sie meinten Zigeuner Sprache und mussten selbst auch lachen. Nachdem sie festgestellt hatten, dass ich kein Polizist bin, wollten sie mir den Stadtteil zeigen. Als ich auf Nachfrage erwähnte, dass ich in Hamburg studiere, meinte einer der Beiden, dass er mit dem Auto nach Hamburg fahre und mich mitnehmen würde – leider hatte ich schon ein Zugticket.

Hier fänden häufig Kontrollen statt. Mal kommen sie mit Uniform und Polizeiauto, aber auch in Zivil. M1 erzählte, dass sie und seine Leute oft kontrolliert würden, es sei schon oft nach den Papieren gefragt worden. Wenn sie selbst fragten, warum Kontrollen stattfinden, dann sei die Antwort häufig Diebstahl oder Aufenthalt. Wenn ein Student hier alleine mit zwei Fahrrädern fahren würde, gäbe es keine Kontrolle. Wenn einer von uns hier mit zwei Rädern fährt – Zappzarapp – ab ins Gefängnis. Die beiden zwinkerten und bogen in eine Hofeinfahrt ein, zu dem Haus in dem sie wohnten. Das die Kontrollen allgegenwärtig zu sein scheinen, zeigt unter anderem, dass M1 dachten, dass auch ich sie kontrollieren wolle. Ich beendete meine Hinweissammlung in der Beilstraße.

Zappzarapp – Diebstahl als Stereotyp

Wenn auf sozialen Netzwerken darüber diskutiert wird, dass „Polen häufiger klauen (rassistisches Wissen)8 oder in Trivialliteratur zum Beispiel zu lesen ist: „Wenn Zigeuner durch das Dorf zogen, so musste man auf Vieh und kleine Kinder aufpassen. Keinerlei Wäsche sollte dann draußen auf der Wäscheleine hängen. Denn die Zigeuner klauen, stehlen alles wie die Raben (rassistisches Wissen)9, dann handelt es sich um rassistische Stereotypen, die Menschen (in der Bundesrepublik) meist gegenüber Menschen mobilisieren, die mit Ost- und Südost-Europa in Verbindung gebracht werden. Die Vorurteile orientieren sich entweder entlang territorialer Staatsgrenzen, nach dem vermeintlichen Aussehen und Verhalten der dort vermuteten Menschen, oder entlang ethnischer Zuschreibungen. Meist treten diese Stereotypen in Verbindung mit der Annahme auf, dass ‚die anderen‘ ‚den Deutschen‘ etwas weg nehmen wollen.

Die Wirkungsweise verläuft dabei entweder individuell durch die Zuordnung einer oder mehrerer Personen an Hand körperlicher Merkmale: „Haben […] meistens tiefschwarze Haare, dunkle Augen und eine sehr dunkle Hautfarbe (rassistisches Wissen)10, könnten Roma sein und diese könnten stehlen (rassistisches Wissen) oder universell: In diesem Haus leben Roma, es kommt zu Diebstählen, also könnte ein*e Rom*ni aus dem Haus gewesen sein (rassistisches Wissen). Egal aus welcher Perspektive, ob individuell oder universell, mündet die rassistische Relativität von physischem Erscheinungsbild oder vermuteter ‚Ethnizität‘ mit bestimmten Verhalten in einer rassistischen Realität für die Betroffenen:

„Die vom bürgerlichen Entwicklungsprozess ausgeschlossenen und kriminalisierten Sinti werden als gesetzlos umherziehende ‚Zigeuner‘ dargestellt. Das Bild von der Lebensweise der ‚Zigeuner‘ repräsentiert die alte Gesellschaftsordnung und eine unreglementierte Form von Freiheit und damit eigene verdrängte Anteile (Wünsche und Ängste), die in der neuen Ordnung nicht mehr gelebt werden können beziehungsweise dürfen. Diese werden dann im anderen (‚Zigeuner‘) verfolgt und vernichtet. ‚Die projektive Identifikation liefert somit den Grund dessen, was man […] den ‚Antiziganismus ohne Sinti und Roma‘ nennen könnte‘, aber nicht ohne ‚Zigeuner‘.“11

EU-Freizügigkeit – ‚Schwarzarbeit‘ als Stereotyp

Anstatt einer verstärkten gewerkschaftlichen Organisierung gegen niedrige Löhne mobilisieren sich immer wieder ‚aufrechte Steuerzahlende‘ gegen „Sozialschmarotzer“ und „Armutszuwanderung“12, die angebliche „soziale Hängematte“13 oder eben vermeintliche Schwarzarbeit durch Einwohner*innen der EU, wie hier bereits angekündigt. Zumeist sind damit gesellschaftliche Diskurse verbunden, die auf ein unzureichendes Verständnis von Arbeits(losen)- oder Aufenthaltsgesetzgebung hindeuten. Ich bin den Hinweisen von Interviewten gefolgt und habe einen Morgen lang die Situation an der Hafenstraße beobachtet.

Berufsverkehr in der Hafenstraße im Jungbusch.

Berufsverkehr in der Hafenstraße im Jungbusch.

Es sollte bekannt sein, dass der Staat Bulgarien Mitglied in der EU ist. Unabhängig davon, dass auch die Regelung der Freizügigkeit und des Aufenthalts im Gesetz über die allgemeine Freizügigkeit von Unionsbürgern strenge Vorgaben treffen, spricht selbst gesetzlich überhaupt nichts dagegen, dass ein Mensch mit bulgarischer Staatsbürger*innenschaft, in Mannheim wohnt und arbeitet:

(2) Unionsrechtlich freizügigkeitsberechtigt sind:
1. Unionsbürger, die sich als Arbeitnehmer oder zur Berufsausbildung aufhalten wollen,
1a. Unionsbürger, die sich zur Arbeitsuche aufhalten, für bis zu sechs Monate und darüber hinaus nur, solange sie nachweisen können, dass sie weiterhin Arbeit suchen und begründete Aussicht haben, eingestellt zu werden,
2. Unionsbürger, wenn sie zur Ausübung einer selbständigen Erwerbstätigkeit berechtigt sind (niedergelassene selbständige Erwerbstätige),
3. Unionsbürger, die, ohne sich niederzulassen, als selbständige Erwerbstätige Dienstleistungen im Sinne des Artikels 57 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union erbringen wollen (Erbringer von Dienstleistungen), wenn sie zur Erbringung der Dienstleistung berechtigt sind,
4. Unionsbürger als Empfänger von Dienstleistungen,
5. nicht erwerbstätige Unionsbürger unter den Voraussetzungen des § 4,
6. Familienangehörige unter den Voraussetzungen der §§ 3 und 4,
7. Unionsbürger und ihre Familienangehörigen, die ein Daueraufenthaltsrecht erworben haben.14

Zur früh morgendlichen Rush Hour Beobachtung habe ich mich daher zur Aral Tankstelle an die Hafenstraße begeben. Gegenüber liegt der von D1 beschriebene Treffpunkt für die Bulgaren an de Jungbuschstraß vorne links. Tatsächlich trafen sich dort Menschen, um gemeinsam zur Arbeit zu fahren. Das liegt zum einen daran, dass hier eine Bushaltestelle ist. Außerdem kann an der Tankstelle schon zu dieser Uhrzeit auf den Weg Frühstück oder Kaffee und ein Brötchen für die Mittagspause erworben werden. Immer wieder stiegen Leute in anhaltende Fahrzeuge, um gemeinsam zur Arbeit zu fahren. Von einem ‚Arbeiterstrich, wie einige im Jungbusch die Situation nannten, konnte nicht die Rede sein.

Auch in einer Kneipe an der Ecke brannte schon Licht. Männer* in Arbeitsklamotten saßen dort und tranken Kaffee, wie viele Menschen vor der Arbeit. Immer wieder schaute einer nach draußen die Straße hoch und runter. Dort gingen andere mit ihren Hunden, fuhren mit dem Fahrrad zur Arbeit oder schwankten nach einer langen Partynacht nach Hause. Doch dann tat sich etwas – ein Streifenwagen fuhr vor der Tankstelle vor. Ich konnte nicht beobachten, dass Menschen sich vor diesem versteckten oder den Platz verließen, wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre, wenn Leute Geld verdienen, ohne Sozialabgaben dafür zu leisten.

Rassistische Polizeikontrolle in der Hafenstraße im Jungbusch.

Rassistische Polizeikontrolle in der Hafenstraße im Jungbusch.

Im Gegenteil kamen nach fünfzehn Minuten die Männer* in Arbeitsklamotten zusammen aus der Kneipe und gingen am Polizeiauto vorbei auf einen weißen Lieferwagen zu. Sie stiegen ein und fuhren wahrscheinlich gemeinsam zur Arbeit. Ich bezweifelte, dass sie vor den Augen der Polizei so offensichtlich etwas nicht erlaubtes taten. Die Polizisten wendeten ihr Fahrzeug einige Minuten später und fuhr dabei auf mich zu. Ich hatte mich inzwischen auf den Gehweg auf der anderen Straßenseite gesetzt, sodass die Scheinwerfer mir mit kurzem Abstand ins Gesicht strahlten. Wahrscheinlich hatten sie auch mitbekommen, dass ich sie beobachtete und fotografierte. Der Streifenwagen fuhr davon und kam nach einigen Minuten wieder an mir vorbei. Ich beendete die Beobachtung mit dem Gefühl, dass ich die rassistische Praxis zumindest heute gestört hatte – denn wer wird schon gerne bei der Arbeit oder auf dem Weg dort hin kontrolliert.

Ein­zel­nach­weise (Es gibt auch eine aus­führ­li­che Über­sicht der ver­wen­de­ten Lite­ra­tur):

  1. Foucault, Michel (1978): S. 64. []
  2. http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuell/news/meldung/article/pressemitteilung-zum-un-anti-rassismus-tag-am-21-maerz-institut-fordert-erneut-streichung-des/, abgerufen am 23.03.2015 um 11:22 Uhr. []
  3. http://www.taz.de/!125748/, abgerufen am 24.03.2015 um 20:20 Uhr. []
  4. Blumenbach, Johann Friedrich (1798): S. 34ff. []
  5. Gottlob August Jenichen (1746): Vorrede: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/T46VFQ332GLPF73IIZUA72O72IONMHEI, abgerufen am 25.03.2015 um 9:57 Uhr. []
  6. Altes und Neues aus der Heimat: Sonderabdruck der Beilage zum Jenaer Volksblatt (1939): Polizeiverordnung 1589, Verlag Bernhard Vopelius, Jena, S. 18f., http://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00207251/Altes-Neues-Heimat_1909-1920_0031.tif, abgerufen am 25.03.2015 um 9:57 Uhr. []
  7. Ebd. S. 19. []
  8. Vgl. http://www.gutefrage.net/frage/woher-kommt-eigentlich-das-geruecht-das-polen-klauen, abgerufen am 24.03.2015 um 20:22 Uhr. []
  9. Maigut, Hans-Jürgen (2014): S. ? []
  10. http://www.gutefrage.net/frage/sinti-und-roma—aussehen, abgerufen am 26.03.2015 um 12:25 Uhr. []
  11. Win­ckel, Änneke (2002): S. 21. []
  12. http://www.focus.de/schlagwoerter/themen/s/sozialschmarotzer/, abgerufen am 30.03.2015 um 20:02 Uhr. []
  13. http://www.hartz4-im-netz.de/PagEd-index-topic_id-181-page_id-131.html, abgerufen am 30.03.2015 um 20:04 Uhr. []
  14. http://www.gesetze-im-internet.de/freiz_gg_eu_2004/index.html, abgerufen am 09.04.2015 um 9:03 Uhr. []

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