Protokoll der Erkundung des Verbindungskanals

Am Morgen des 18.03.2014 begann ich mit der Erkundung der Umgebung des Verbindungskanals auf der Seite des Jungbusch in der Hafenstraße. Ich suchte nach Indizien für Gentrifizierung und Rassismus im öffentlichen Raum. Zu Beginn fiel mir die Ecke Hafenstraße / Böckstraße (google Streetview Ansicht) besonders auf. Ich nahm sofort an, dass diese Ecke besonders interessant für die Analyse von Aufwertung und Gentrifizierung sei.

Getreidemühle wird Kreativwirtschaftszentrum

An der Ecke Hafenstraße / Böckstraße befindet sich, die im Artikel Rassifizierung im Quartier beschriebene, sog. ‚Problemimmobilie‘. „Der Fachbereich Immobilienmanagement“ räumte 2011 „in einer ‚Nacht-und-Nebelaktion‘ die dort rund 30 lebenden osteuropäischen Zuwanderer aufgrund der katastrophalen Zustände des Hauses“.1 Im März 2014 waren die Türen verschlossen, das Gebäude ist seit der Räumung ungenutzt. Auf den anderen Straßenseiten liegt der imposante Gebäudekomplex der Kaufmannmühle.

„Die Kauffmannmühle war die erste von sechs der dampfgetriebenen Großmühlen, die Mannheim um die vorletzte Jahrhundertwende zum Standort des bedeutendsten Mühlenzentrums in Süddeutschland machen sollte. […] Unternehmen der IT- und Musikbranchen sowie Künstlerinitiativen haben sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude und der Kantine gegenüber dem Silo angesiedelt.“2

Bereits an der Fassade erkennbar nutzen u.a. sunshine live und zeitraumexit Teile des Gebäudes, wie im Artikel (Populär)kultur am Verbindungskanal ausgeführt. Auf der Seite zum Verbindungskanal fanden während der Erkundungsphase die Bauarbeiten für das sog. ‚Kreativwirtschaftszentrum‘ statt, „in erster Linie“ entstünden dort „neue Arbeitsräume (und vor allem –plätze) für Kreative aus allen Teilbranchen des Wirtschaftszweigs„.3

Neubau des Kreativwirtschaftszentrums in der Hafenstraße in Mannheim.

Neubau des Kreativwirtschaftszentrums in der Hafenstraße in Mannheim.

Der Gebäudekomplex erstreckt sich über weite Teile linksseitig der Hafenstraße in nördlicher Richtung. Auf der rechten Straßenseite liegen Wohnhäuser bis an die Kreuzung, an der die Werftstraße in die Hafenstraße mündet

Ausbildungs- und Wirtschaftsstandort

Im weiteren Straßenverlauf liegt dort linksseitig die Popakademie, das Studierendenwohnheim Hafenstraße sowie der Musikpark Mannheim und rechtsseitig erstreckt sich das Außengelände der Jungbuschsschule. Die Popakademie Baden-Württemberg ist ein Ausbildungsort nach der Vorstellung eines kapitalistischen Kulturbetriebs und maßgeblich prägend für den sog. ‚Standort‘ Jungbusch.4

Popmusik ist Kulturgut, Wirtschaftsfaktor und Impulsgeber. Die Popakademie Baden-Württemberg bündelt die relevanten Aspekte des Themas Popmusikkultur und schafft Synergien, um den kreativen und wirtschaftlichen Output für die Musikbranche zu optimieren. Nach über 50 Jahren Popkultur wurde hier erstmals in Deutschland die Möglichkeit geschaffen, mit akademischem Anspruch fokussiert auf die Bereiche Popularmusik und Musikwirtschaft auszubilden.5

Popakademie Baden-Württemberg, im Hintergrund südlich die Kaufmannmühle.

Popakademie Baden-Württemberg, im Hintergrund südlich die Kaufmannmühle.

Direkt neben der Popakadmie steht das Studierendenwohnheim Hafenstraße. Das Wohnheim erfreut sich mit Mieten von 240-300 €6 in den sozialen Netzwerken großer Beliebtheit.7 Hier starten Studierende gemeinsam Ausflüge, veranstalten „Multi-Kulti-Abende“ mit „nationalen Gerichten“, „Beer Pong Tuniere“ und „Welcome Events“. Das Haus hat ein eigenes „Tutorenteam“ mit verteilten Rollen, z.B. „Integrations- und Kulturtutorin“, „Fetentutorin“ oder „Sportutoren“. Im „Partyraum“ wird neben den „Feten“ auch „Fußball Weltmeisterschaft Public-Viewing“ mit „Bier und Würstchen je 1 €“ organisiert. Den Bildern nach legen die Bewohner*innen viel Wert auf Gemeinschaft und Partys.8

Zusammengefasst steht hier ein Wohnheim, wie viele andere in der Bundesrepublik, in das ich auf keinen Fall einziehen würde. Den Tiefpunkt des Facebookauftritts stellt neben den anderen „Lieblingsessen aus deiner Nation“ die Schweizer Fahne in Schinken-Käse dar – kulinarischer Nationalismus und spaßige Integration in die Deutsche Leitkultur – bestehend aus Fußball, Saufen und Grillen – über das Studierendenwerk subventioniert mit den Geldern aller Studierenden.

Ein Teil der Gebäude, die zum Studierendenwohnheim Hafenstraße gehören.

Ein Teil des Gebäude des  Studierendenwohnheims Hafenstraße.

Gegenüber und dem Wohnheim folgend befinden sich kleinere Betriebe, z.B. eine Autowerkstatt. Am Ende der Straße liegt auf der linken Straßenseite der Musikpark Mannheim:

„Der Musikpark Mannheim ist das erste und bisher einzige Existenzgründungszentrum für die Musikbranche in Deutschland. Junge Unternehmer im kreativen Bereich mit musikwirtschaftlicher Ausrichtung können in zwei Gebäuden im Mannheimer Stadtteil Jungbusch Büro-,  Studio- oder Tanzräume anmieten und werden beraten, begleitet, gefördert und unterstützt.“9

Musikpark Mannheim an der Nordspitze des Jungbsuch.

Musikpark Mannheim an der Nordspitze des Jungbsuch.

Gute Übersicht neben Streetart am linken Ufer

Der 18. März war ein warmer Frühlingstag und daher beschloss ich den Rundgang auf der linken Seite des Verbindungskanals fortzusetzen, um mir auch von der anderen Seite ein Bild verschaffen zu können. An der Nord­spitze des Jung­busch, führt west­lich über die Neckar­vor­land­straße eine auffällig gelb lackierte Brü­cke über den Ver­bin­dungs­ka­nal. Entlang der Uferböschung ergibt sich ein übersichtlicher Blick auf das Rheinufer des Jungbusch.

Panoramaaufnahme des Rheinufers im Jungbusch (Verbindungskanal linkes Ufer)

Panoramaaufnahme des Rheinufers im Jungbusch (Verbindungskanal linkes Ufer).

Bevor ich jedoch meinen Weg über die Teufelsbrücke zurück in den Jungbusch fortsetzte, wollte ich mir die Bahnstation Mannheim Handelshafen als alternativen Weg aus und in den Jungbusch ansehen. Den Weg dort hin säumte gut gearbeitete Streetart am linken Rheinufer.

Antisemitische Graffiti an der Bahnstation

Auch die menschenleere Betonarchitektur der Bahnstation Mannheim Handelshafen lockte wohl in letzter Zeit vermehrt Sprayer*innen an. Auch diese Graffiti wollte ich genauer betrachten. Die ersten sichtbaren Botschaften an den Wänden und deren unterschiedliche Kontexte deuteten auf verschiedene politisch motivierte Sprayer*innen hin.

Darunter fanden sich Stencils wie „communism“ und „you made my may“ in blau und türkis, aber auch unterschiedliche Parolen in rot, die sowohl in linken Kreisen aber auch in rechten verbreitet sind. „ROTFRONT“, „“ und „FIGHT ZIONISM“ aus einer Hand lassen auf sog. ‚anti-imperialistische Linke‚ schließen, die ihren Antisemitismus in ihrer Solidarität mit Palästina begründen. Auch vorstellbar sind unterschiedliche Urheber*innen mit flexibler Moral, welche sich nicht an der Botschaft der jeweils anderen störten. Antisemitische Graffiti und Palästina Solidarität sind auch bei Neonazis beliebt. Schon am ersten Morgen in direkter Umgebung des Jungbusch auf antisemitische Graffiti-Botschaften zu stoßen, sensibilisierte mich dafür nach diesen auch im Jungbusch selbst Ausschau zu halten. (Wer sich an dieser Stelle fragt, warum das Graffiti antisemitisch ist und denkt, Israel müsse ständig und überall kritisiert werden, der*dem empfehle ich einen informativen Artikel von netz-gegen-nazis.de.)

"Fight Zionism", "Rotfront" sowie "☭" und "communism" Grafitti am linken Rheinufer.

„Fight Zionism“, „Rotfront“ sowie „☭“ und „communism“ Graffiti am linken Rheinufer.

Nebenan und wieder in rot ergänzte das konfuser werdende Bild ein „NIE WIEDER DEUTSCH-LAND“ Graffiti, dass eher dem sog. ‚antideutschen‘ Spektrum zugeordnet werden kann, mit einem Anarchie-Zeichen „“ neben dem verschwörungstheoretischen Schriftzug „Google Fluorid LÜGE“ und einer doppelten „oma“. Auch erkennbar ist, dass an beiden Stellen die Wand bereits mehrfach überstrichen wurde.

"Nie wieder Deutschland" und Anarchie-Zeichen "Ⓐ" neben dem verschwörungstheoretischem Schriftzug "google fluorid Lüge" und einer "oma" am linken Rheinufer.

„Nie wieder Deutschland“ und Anarchie-Zeichen „Ⓐ“ neben „google fluorid Lüge“ und einer „oma“ am linken Rheinufer.

Es ist anzunehmen, dass an diesem Ort mehrere Gruppen und Einzelpersonen aus der Region ihre politischen Botschaften im öffentliche Raum ausdrücken. Hier werden auch noch weitere Konfliktlinien deutlich. Neben „FREIHEIT FÜR ALLE politischen GEFANGNEN!“, „BEKÄMPFT DAS PATRIACHAT“, „FRAUEN ERHEBT EUCH!“ sowie einem vom vorher beschriebenen abweichenden blauen „“ war wieder ein*e Verschwörungstheoretiker*in am Werk: „(O²BAMA KENNT EUCH ALLE!)“.

Feministische Forderungen und verschwörungstheorethische Kommentare.

Feministische Forderungen und verschwörungstheorethische Kommentare.

Gegenüber dieser Wand finden sich wiederum Graffiti: Ein „ISRAEL IFA“ (wahrscheinlich der israelische Fußballverband) wurde in türkis durchgestrichen und darunter ebenfalls in türkis „“ gesprayt. Darüber finden sich in blau mit schwarz durchgestrichen die Abkürzungen RFB und NVA, die wahrscheinlich für den Roten Frontkämpferbund in der Weimarer Rebublik und die Nationale Volksarmee in der DDR stehen. Daneben finden sich in blau „PKK“, „HEMSHOF 67 For LiVE“ (Stadtteil von Ludwigshafen) sowie in schwarz „Für den Kommunismus!“. Die Abkürzung für die kurdische Arbeiter*innenpartei „PKK“ wurde ergänzt mit einem „FUCK MHP“ (nationalistische Partei in der Türkei) und „AtaPic“ wohl einer Anspielung auf Satire zu Mustafa Kemal Atatürk.

Antisemitismus, Hammer und Sichel und PKK Solidarität.

Antisemitismus, Hammer und Sichel und PKK Solidarität.

Auf den anderen Wänden fanden sich noch einige Graffiti. Unter anderem „§129a Der HUNGER DES STAATS NACH FEINDEN“ (linke Parole, rot), „HOCH DiE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT!“ (internationalistische linke Parole, türkis), „Kampf den Eliten“ (linke Parole, rot), „Kampf dem Fachismus(sic!)“ (linke Parole, schwarz), „Kampf dem KAPITAL“ (Parole, schwarz), „A.C.A.B.“ („scheiß“ Parole, türkis), „FREE GAZA!“ (antisemitische Parole, türkis) und „ALBOZ“ (‚albanischer‘ Rapper mit nationalistischen und diskriminierenden Texten, blau).

Die wiederkehrenden Farben und Parolen in rot, blau und türkis jedoch in unterschiedlicher Schrift deuten darauf hin, dass die Urheber*innenschaft der meisten Graffiti – auch der antisemitischen Parolen – dem Spektrum der ‚antiimperilistischen Linken‘ zuzuordnen ist. Zusätzlich wurden die Parolen durch Einzelpersonen auf der einen Seite verschwörungstheoretisch, wahrscheinlich eine Person mit rechter Gesinnung, und auf der anderen Seite PKK solidarisch mit Filzstift kommentiert. Es ist damit zu rechnen, dass die Parolen in Zukunft weiter ergänzt oder jedoch von Stadt oder Bahn überstrichen werden.

 

Alte Brücke wird zum Politikum

Neben den ganzen Neubauten am Verbindungskanal ist der Konflikt um eine alte Brücke spannend. Wer vom Handelshafen in den Jungbusch gelangen möchte, kommt seit beinahe 150 Jahren am schnellsten über die Teufelsbrücke über den Verbindungskanal. Im Jahr 2009 startete im Jungbusch eine Stadtteilinitiative unter dem Motto „Rettet die Teufelsbrücke„, der es zu verdanken ist, dass die Brücke auch 2014 noch nicht abgerissen wurde.10 Der Konflikt um die Brücke stellte sich als Spannungsfeld zwischen Anwohner*inneninteressen, Stadtplanung und wirtschaftlichen Interessen dar und wirkt etwas wie ein Jungbuscher Pendant zu beispielsweise Stuttgart 21.

Rettet die Teufelsbrücke Schild an Fensterscheibe in der Jungbuschstraße.

Rettet die Teufelsbrücke Schild an Fensterscheibe in der Jungbuschstraße.

Bei dem Protest um die Teufelsbrücke handelt es sich um eine bürgerliche Intervention, die weder gegen Aufwertung noch gegen die kapitalistische Verwertung des Jungbuschs gerichtet ist. Auf der Homepage der Initiative wird zum einen das Recht der Anwohner*innen eingefordert, die Brücke weiterhin als Überweg zu nutzen. Zum anderen wird betont, wie wichtig der Erhalt der Brücke als Industriedenkmal ist. Dabei setzt die Initiative ihre Interessen über die eines Wirtschaftsbetriebs, der den Kanal gerne besser mit Schiffen befahren würde. Sie möchte aber eine Lösung ohne Abriss oder Rückbau anstreben, die auch diese Interessen berücksichtigt.11

Dazu sei die Brücke „wichtiges Element der Neugestaltung der Promenade12 und Anschluss an den sog. Quartiersplatz. Die Initiative rief weitere städteplanerische Gesichtspunkte auf, wie den Plan die Stadt Mannheim zurück an die Gewässer zu erschließen. Außerdem diene der begrüßenswerte Strukturwandel durch die Ansiedlung der sog. Kreativwirtschaft als Argument für den Erhalt.13 Inzwischen schien die Lage geklärt, auch wenn sich der Zustand der Brücke seit 2009 ohne erkennbare Reparatur weiter verschlechtert haben sollte.

Noch sitzen auf dem Brückenhäuschen die Tauben - die Baukränke rücken jedoch näher.

Noch sitzen auf dem Brückenhäuschen die Tauben – die Baukräne rücken jedoch näher.

Unterhaltung auf der ‚Promenade‘

Wer den Artikel zur Rassifizierung im Quartier gelesen hat, mag sich daran erinnern, dass das „Quartiermanagent (sic!)“ 2009 besorgt um die sog. ‚Promenade‘ am Verbindungskanal. Mit ‚Promenade‘ ist im Jungbusch der sanierte und mit Sitzbänken versehene Weg entlang der Böschung des Verbindungskanals gemeint. Und weil auf den Promenaden dieser Welt Menschen flanieren sollen, stört es die Stadtentwickler*innen, wenn „Wohn­sitz­lose oder arbeits­su­chende Zuwan­de­rer aus Ost­eu­ropa die öffent­li­chen Räume mit der Ten­denz der Domi­nanz in Anspruch neh­men“14. Ich habe während der Erkundung mit einer Person gesprochen, die sich gerne am Kanal aufhält und wahrscheinlich in das Muster der vom „Fachbereich Sicherheit und Ordnung“ zu vertreibenden Menschen passt.

Ich machte am Ufer Bilder und sprach schließlich drei dort sitzende Personen an, die ich auch schon vom anderen Ufer beobachtet hatte. Zwei der Personen reagierten abweisend, als ich erklärte, dass ich gerade ein Forschungsprojekt durchführen würde. Doch die dritte Person (ab hier K1 genannt) verteidigte mich sofort vor den anderen und erklärte sich bereit mit mir zu sprechen und ihre Sicht auf den Stadtteil zu teilen. Schnell stellte sich heraus, dass mein*e Interviewpartner*in K1 sich behandlungsbedingt fast jeden Tag im Jungbusch aufhält und weder wohnsitzlos noch arbeitssuchend ist. K1 kennt sich im Jungbusch bestens aus und wohnte dort etwa 5 Jahre zu Beginn der 00er Jahre in verschiedenen Wohngemeinschaften. K1 machte umfassende Angaben (ab hier kursiv) zur Entwicklung des Stadtteils und erleichterte mit einer Menge Hintergrundwissen meine erste Interviewsituation für GENTRIFIJUNGBUSCH.

Viele der Menschen, die sich den ganzen Tag an den verschiedenen Grenzpunkten des Jungbusch auf der Straße aufhalten würden, seien nach K1 in Behandlung bei verschiedenen Substitutionspraxen. Ihre Auflage für die Behandlung sei es teilweise, sich davor und danach nicht im Jungbusch aufzuhalten. Viele der Substituierten pflegten jedoch Freundschaften und versammelten sich zum Beispiel an der Kreuzung von Ring und Jungbuschstraße, um sich auszutauschen. Es gäbe keinen offiziellen Ort an dem sich alle sammeln dürften. K1 sei bei einer anderen Praxis in Behandlung und käme immer gerne in den Jungbusch an die ‚Promenade‘, weil K1 bis vor circa 10 Jahren in der Kirchstraße gelebt habe und sich hier im Jungbusch wohlfühle. Einige der Substituierten pflegten einen Beikonsum, zumeist da sie ebenfalls alkoholabhängig seien, jedoch käme es bei machen auch wieder zur Einnahme illegalisierter Drogen. Die meisten Menschen würden denken, K1 und die anderen seien obdachlos, dabei lebe K1 beispielsweise in einer Beziehung in Neckarstadt West.

Nicht verantwortungsvoller Konsum birgt Gefahren für Unbeteiligte.

Nicht verantwortungsvoller Konsum birgt Gefahren für Unbeteiligte.

K1 schätzte damals den Zusammenhalt im Viertel: Nachbarschaftshilfe, gegenseitiges Interesse und Rücksichtnahme habe K1 täglich beobachtet und erlebt. Dann hätten auf einmal um 2007 viele Leute Angst bekommen, dass es zu Mietpreiserhöhungen kommen solle und dass die Arge nicht mehr zahle. Davor hätten in der Kirchstraße in vielen Kellern Punks gewohnt. Das Blau sei eine der alten Punkerkneipen. Dann hätte es angefangen mit den Fassaden in der Kirchstraße und der Jungbuschstraße und mit der Hafenstraße und am Kanal. In der Kirchenstraße sei zwar von außen renoviert worden, aber innen fehle immer noch der Handlauf am Treppengeländer. K1 sei aus privaten Gründen kurz nach dem es angefangen habe mit der Aufwertung aus dem Jungbusch gezogen. Während K1 die Karte ausfüllte, stockte K1 während die Rheinstraße mit Risiko/Gefahr/Verbrechen markiert wurde. Hier seien früher viele zum Trinken und für Rauschgift hingegangen. Doch es habe einen Mord gegeben an einer Studentin, es gäbe mehr Überwachung, keiner wolle verdächtig sein und dort fühle sich keiner mehr wohl. Mit diesen letzten Eindrücken wollte ich die Erkundung des Verbindungskanals beenden.

Erkenntnisse rund um den Verbindungskanal

An der Hafenstraße konnte ich den Neubau des sog. Kreativwirtschaftszentrums und die Auswirkungen der Ansiedlung der Popakademie beobachten sowie mir schließlich vom linken Rheinufer einen guten Überblick verschaffen. Im Jungbusch wird Kreativität als Wirtschafts- und Standortfaktor betrachtet. Jenseits des Verbindungskanals entdeckte ich an der Regionalbahnstation einige Graffiti, darunter auch antisemitische. Ich überquerte die Teufelsbrücke, um deren verhinderten Abriss es in den letzten Jahren einen Konflikt im Stadtteil gab und inspizierte die sog. Promenade. Hier konnte ich ein interessantes Interview führen und eine erste kartographische Erhebung vornehmen. Dabei äußerte eine betroffene Person, dass es nicht genügend Räume für Menschen mit Sucht oder in Behandlung gäbe.

„Richard Florida übrigens, der den Begriff der „kreativen Klasse“ erfand, musste gerade zugegeben, dass sich die positiven Effekte, die er sich damals erhoffte, nicht eingestellt haben: Laut Floridas jüngsten Forschungsergebnissen öffnet sich gerade da, wo sich die Kreativindustrie konzentriert, die Schere zwischen Arm und Reich weiter. Überall dort, wo der Wohlstand zugenommen hat, haben einzig die Hochqualifizierten und zum Teil die Chefs und Inhaber der Kreativfirmen von den steigenden Einkommen profitiert. Und gerade in den Boomstädten der Kreativindustrie müssen die Geringverdiener als die eigentlichen Verlierer gelten.“

Doch kurz vor dem Ende meines Rundgangs begegnete mir nun auch im Jungbusch ein Graffiti mit antisemitischem Hintergrund:

Graffiti von Moha Tayeb 48 am Verbindungskanal in Mannheim Jungbusch.

Graffiti von Moha Tayeb 48 am Verbindungskanal in Mannheim Jungbusch.

Der*die vermutliche Urheber*in Moha Tayeb 48 steht in Verbindung zu syrischen und palästinensischen Aktivist*innen, die mit Mitteln wie Graffiti, Blogs oder Videos u.a. Propagandaarbeit für eine anstehende Intifada leisten. Der Stil der Figur und des Hintergrunds finden sich auch bei Graffiti in Spanien, Syrien und Israel. Zwar kritisieren die Künstler*innen hinter dem Projekt den Antisemitismus in Europa, setzen dessen Mechanismen jedoch gleich mit der heutigen Situation in Palästina. Dabei arbeiten sie auch mit gängigen Vorurteilen gegenüber Jüdinnen und Juden, was ihre Arbeit in ein anderes Licht, weit ab von einer Kritik am Antisemitismus, rückt.15 16 17

Ein­zel­nach­weise (Es gibt auch eine aus­führ­li­che Über­sicht der ver­wen­de­ten Lite­ra­tur):

  1. http://www.morgenweb.de/quartierarbeit-vor-einem-neustart-1.362849, abgerufen am 09.02.2015 um 16:13 Uhr []
  2. http://rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/kauffmannm%C3%BChle-erste-mannheimer-dampfm%C3%BChle-von-ed-kauffmann-s%C3%B6hne-gmbh-mannheim, abgerufen am 09.02.2015 um 16:26 Uhr. []
  3. https://www.mannheim.de/wirtschaft-entwickeln/kreativwirtschaftszentrum-jungbusch, abgerufen am 09.02.2015, um 16:37 Uhr. []
  4. Vgl. http://www.jungbuschzentrum.de/stadtteil/stadtort-jungbusch/, abgerufen am 04.03.2015 um 12:03 Uhr. []
  5. http://www.popakademie.de/hochschule, abgerufen am 10.02.2015 um 17:57 Uhr. []
  6. https://www.stw-ma.de/Wohnhaeuser-path-10.html, abgerufen am 10.02.2015 um 18:23 Uhr. []
  7. Vgl. https://www.facebook.com/WohnheimHafenstrasse?sk=reviews, abgerufen am 10.02.2015 um 18:23 Uhr. []
  8. Vgl. https://www.facebook.com/WohnheimHafenstrasse/timeline, 09.02.2015 um 16:52 Uhr. []
  9. http://www.musikpark-mannheim.de/musikpark/musikpark-mannheim/, abgerufen am 02.03.2015 um 21:09 Uhr. []
  10. http://rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/teufelsbr%C3%BCcke-mannheim, abgerufen am 23.02.2015 um 19:58 Uhr. []
  11. Vgl. http://rettet-die-teufelsbrücke.de/unsere-initiative/, abgerufen am 24.02.2015 um 14:15 Uhr. []
  12. Ebd. []
  13. Ebd. []
  14. Bericht über die Arbeit des Quar­tier­ma­nage­ment Jung­busch (Berichts­jahr 2010), S. 8. []
  15. Vgl. https://zaytounbordertoborder.wordpress.com/, abgerufen am 02.03.2015 um 19:34. []
  16. https://www.facebook.com/pages/Mohamed-tayeb-Comics-underground-/191205480894292, abgerufen am 02.03.2015 um 19:38 Uhr. []
  17. http://www.syriauntold.com/en/media/intifada-graffiti-2/, abgerufen am 02.03.2015 um 19:40 Uhr. []

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