(Populär)kultur am Verbindungskanal

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit (Populär)kultur im und aus dem Jungbusch. Kultur ist ein „wichtiger, in vielfältigen Bedeutungen gebrauchter Begriff“1. Daher ist es für eine gemeinsame Verständigung über Kultur notwendig zu definieren, dass hier nicht ethnologisch ‚Menschengruppen‘ in ihrer vermuteten kulturellen Andersartigkeit gegenüber gestellt werden sollen, sondern Kultur als „Symbolgehalte einer Gesellschaft (Religion, Kunst, Wissen)“ untersucht wurde.2  Dies bezieht auch mit ein, dass einige, wenn nicht sogar alle, dieser Symbole auf Mythen basieren, die gesellschaftlich jedoch weit verbreitet und anerkannt sind. Auf diesen gemeinsamen Mythen fußt auch die medial aufbereitete Populärkultur, die stets dazu neigt kulturelle Phänomene auf Grund ihrer Selbstverständlichkeit als natürlich hinzunehmen.

In der Analyse wurde auf Video- und Tonmaterial zurückgegriffen, so dass beim Lesen ein Eindruck dafür entstehen soll, was (Populär)kultur uns mitteilen will. Dazu wurden die Forschungsfragen zu Rassifizierung und Gentrifizierung auf dieses Feld übertragen: Welche Geschichten tradieren (Populär)kultur oder die jeweiligen Orte, die damit in Verbindung gebracht werden können? Welche Kritik kann an diese Erzählweisen gerichtet werden? Gibt es Schnittstellen zwischen (Populär)kultur zur Untersuchung von Rassifizierung und Gentrifizierung im Stadtteil? Zudem wurde in diesem Beitrag zum ersten Mal auf das Material aus Kartierung zurückgegriffen, um die Wahrnehmung von Kultur im städtischen Raum sichtbar zu machen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch das abgebildete Bild von Kultur im Raum abhängig ist vom Kulturbegriff der Befragten, weshalb Kultur bei der Methodenwahl in einer Kategorie mit „Kunst und kreativ“ zusammengeführt wurde.

Reimen für Reichsbürger

Es liegt auf der Hand diesen Beitrag über (Populär)kultur am Verbindungskanal im Mannheimer Standteil Jungbusch thematisch mit Xavier Naidoo zu beginnen. Spätestens seit seinem Auftritt bei den Reichsbürgern am Tag der Deutschen Einheit 2014 in Berlin hat auch die bürgerliche Presse Abstand zu Naidoo genommen.

Zuvor stellte er jedoch über Jahre den Beweis dafür auf, dass mensch als Rassist, „aber ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe. Ich bin nicht mehr Rassist als jeder Japaner auch3, wie er selbst behauptet, und christlicher Fundamentalist in Deutschland populäre Kulturbeiträge leisten kann. Und so gehört, bekommen Naidoos Tophits (z. B. dieser Weg wird kein leichter sein) auf dem Weg zurück ins Reich einen ganz neuen Interpretationsspielraum. Bereits 2012 wurden einige stutzig, als sie auf dem mit Kool Savas produzierten Werk Naidoo singen hörten:

„Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“4

Es ist schwer von der Hand zu weisen, dass millionenfach rezipierte homophobe, sexistische oder verschwörungstheoretische Songtexte keine Wirkungsmacht auf Rezipient*innen ausüben. Naidoo vertonte sogar spätestens seit 20025 seine rechte Gesinnung und wurde trotzdem berühmt für seine schöne Stimme. In der Bundesrepublik waren und sind die Rezipient*innen nicht sensibilisiert genug, um genau hin zu hören oder haben diese Texte bewusst in Kauf genommen. Und so wird der Weg kein leichter sein, den Menschen zu erklären, was sie sich da anhören. Mindestens genau so schwer ist Menschen zu erklären, dass sie selbst in ihrem Alltag auf rassistische Wissensbestände zurückgreifen.

Im Jahr 2003 wurde vom Land Baden-Württemberg am Verbindungskanal die Popakademie Mannheim eröffnet. Das Studienangebot beinhaltet die Bachelor Musikbusiness und Popmusikdesign sowie die Masterstudiengänge  Music and Creative Industries und Popular Music. „Der bekannteste Sohn Mannheims“ Naidoo war dort als Gastdozent im Bereich Songwriting engagiert und gerne gesehen. Inzwischen suchen Stadt und Popakademie Abstand.6 Nun kann mensch sich sicher vorstellen, dass nach über 10 Jahren Popakademie immer wieder musikalische Beiträge am Verbindungskanal produziert wurden. Auch Künstler*innen wie Udo Lindenberg, Smudo, Gentleman oder Wir sind Helden stehen auf der Liste der Gastdozierenden.7

„Multikulti – Hartz IV trifft auf Hipstertum“

Einen dieser Songs, der gut zum Thema von GENTRIFIJUNGBUSCH passt und mit dessen Betrachtung hier begonnen wurde, kommt von der Gruppe Tonomat 3000. Der Song „Jungbusch“ wurde an dieser Stelle in seiner Sicht auf den Stadtteil Jungbusch untersucht. Dabei wurde herausgearbeitet, welche Stereotype durch den Songtext bei den Rezipient*innen ankommen und festgestellt, dass es sich um überraschend viele handelt.

„Ich wohn noch nicht lang da, bin ja vor kurzem erst hier her gezogen, doch hab den Jungbusch schon ins Herz geschlossen“8, textet der Sänger der Gruppe im Refrain. Die Strategie mit der Popakademie und dem nebenan betriebenen Studierendenwohnheim Studierende in den Jungbusch zu locken, die sich schnell mit dem Stadtteil identifizieren sollten, scheint aufzugehen, auch wenn der Song schon am Anfang feststellt: „Schön is‘ es hier nich‘, doch du bist froh, wenn du ne Wohnung kriegst“9. Nach der Feststellung, dass nicht alles im Leben gerecht zugeht: „Wahnsinnig oft denkt man sich, ach komm leck mich am Arsch, nichts da rechts vor links, die Regel ist der Schwächste gibt nach“10, und dass der Jungbusch Ihnen am Herzen läge, folgt die Ansage an die bisherigen Bewohner*innen: „Wir sind jetzt da, schön guten Tag“11. Schüchtern, höflich, aber auch bestimmt und in gewählter deutscher Sprache werden Fakten geschaffen. „Bitte geht wieder!“12 kommentierte eine Person den Song auf YouTube.

Die Zusammensetzung des Stadtteils beschreibt Tonomat 3000 pauschalisierend als „Multikulti – Hartz IV trifft auf Hipstertum13. Wer von ‚Multikulti‘ spricht, der setzt häufig territoriale Herkunft und Kultur gleich und maßt sich an, die vermeintlich verschiedenen Kulturen anhand ihrer angeblichen Merkmale zu unterscheiden. Der Multikulti‚ Diskurs ist einer, der mit rassistischen Wissensbeständen belastet ist.

„Das Schlagwort ‚MultiKulti‘ fungiert in rechtsextremen Medien und Propagandazeitschriften als Synonym für die Zersetzung eines herbeigesehnten ethnisch homogenen ‚Volkskörpers‘. in der rassistischen Abwehr des Multikulturalismus überschneiden sich biologistische Argumentationsmuster mit kulturalistischen. Kultur, ‚Rasse‘ und Nation sind als ethnisch homogen konstruierte Einheiten Basiskategorien faschistischer Ideologie.“14

Tonomat 3000 soll hier nicht als rechtsextrem dargestellt werden, aber bei der kritischen Auseinandersetzung mit (Populär)kultur geht es nicht um eine freundliche Beurteilung des Musikstils, des Videos oder den Instrumenteneinsatz, sondern um die Kritik an den Verhältnissen, die solche Songtexte hervorbringen. Berthold Seliger, der sich in einem Buch zu Popkultur und ‚Kreativwirtschaft‘ als Motor für Gentrifizierung geäußert hat, erklärte in einem Interview die soziale Herkunft der meisten Pop-Künstler*innen:

„Fast ausnahmslos entstammen die Popkünstler und Pop-Kulturarbeiter der Mittel- und der Oberschicht, das sind Apotheker- oder Arztsöhne, Lehrer- oder Unternehmertöchter, die mit dem Erbe ihrer Eltern kulturell spannende Jobs machen.“15

Tonomat 3000 fand es scheinbar spannend die Unterschiede von Personen die Sozialleistungen beziehen, denen die als Hipster bezeichnet werden und dem, was sie unter ‚Multikulti‘ zusammenfassen, hervorzuheben. Alle drei Zuschreibungen sind bereits vorurteilsbehaftet, auch ohne eine Pop-Band, die dazu ein Lied produziert. Mit viel Wohlwollen drückt der Song aus, dass gegenüber dem Stadtteil Jungbusch und seinen Bewohner*innen Vorurteile bestehen. Diese Vorurteile lösen sich jedoch nicht durch die Reproduktion der selbigen auf.

Es bleibt im Songtext jedoch nicht nur bei ‚Multikulti‘, Hartz IV und Hipstertum, denn die Kategorien werden spezifiziert: „Dönerläden, Absturzkneipen, Partys bis um Sieben Uhr // Sperrmüll auf den Straßen, drumrum Stapel aus Altpapier //  Sprachgewirr vor Ladentür, wenn ich nachts durch die Straßen irr“, heißt es weiter im Text16. Es mag Tatsachen entsprechen, dass es im Jungbusch Restaurants gibt, die Döner auf der Speisekarte haben, dass dort lange gefeiert wird und dort auch mal Müll auf der Straße liegt, doch diese Zuschreibungen als bedeutsam für den Stadtteil herauszustellen, bestätigt wiederum lediglich gesellschaftliche Diskurse: Dabei wird als Ausländer bezeichneten Personen in Mannheim und andernorts wahlweise zugeschrieben Müll auf den Straßen zu entsorgen, im Müll anderer zu ‚wühlen‘ oder sich am Sperrmüll zu bereichern. Eine Alternative Betrachtungsweise wäre es darüber nachzudenken, ob es Menschen gibt, die es sich beispielsweise auf Grund der Abfallgebühren nicht leisten können ihren Müll zu entsorgen. Andere sind durch ihre ökonomischen Lebensumstände auf die Reste der Wegwerfgesellschaft angewiesen.

Ein Haufen Müll ist schnell fotografiert und bestätigt jede Berichterstattung.

Sakastisch gesagt: Ein Haufen Müll ist schnell fotografiert und bestätigt jede Berichterstattung.

Wie selbstverständlich dient das Klischee des ‚Dönerladens für viele als Beispiel für ‚Multikulti‚ und auch Tonomat 3000 bedient sich dessen. Dass viele Menschen in der eigenen Existenzgründung einen Ausweg daraus sehen, dass sie schon auf Grund ihrer Namen eine Absage für Bewerbungsgespräche erhalten oder dass viele andere Restaurants Schweinefleisch und Alkohol verarbeiten, darüber machen sich die wenigsten Gedanken. Außerdem kann man in fast jeder Stadt, jedem Stadtteil sogar fast jedem Dorf Döner essen und das ist bei weitem nicht alles was auf der Speisekarte der Restaurants und Imbisse zu finden ist. Der ‚Dönerladen‚ ist nicht spezifisch für den Stadtteil, das Klischee ist jedoch weit verbreitet. Der Sänger weiß nach seinem Alkoholkonsum morgens nichts mit den unterschiedlichen Sprachen vor den Ladentüren anzufangen – er versteht sie nicht. Hier sollte sich der leitkulturelle Diskurs um die Deutschsprachigkeit ins Gedächtnis gerufen werden.17 Damit sind die absurde Forderung ‚in Deutschland wird Deutsch gesprochen‘ und die Angst vom ‚fremd im eigenen Land sein‘ gemeint. Von der Gruppe sicher nicht so beabsichtigt, kann das ‚Sprachgewirr‘ auch als Metapher gesehen werden: Die Stadtentwicklung des biblischen Babylon scheiterte an uneinheitlicher Sprache.

Dem Sänger gefällt es dort „wo nen paar Jungs der Gehweg gehört“18 und „wo vom Aussehen jeder zweite gerne Türsteher wär, aber Mittagsessen trotzdem bei den Müttern verzehrt“19 wird. Leider wächst der Song auch hier nicht über eine subjektive Beschreibung hinaus. Er hinterfragt nicht, warum dieses Bild von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit vermeintlich abweichendem Verhalten und Aussehen entsteht. Vielen Jugendlichen fehlt die Perspektive, sie haben keinen Ausbildungsplatz oder ihnen bleiben auf Grund institutioneller Benachteiligung im Bildungssystem Berufe ohne Ausbildung wie Türsteher. Es gibt sicher einige, denen vielleicht scheinbar ‚der Gehweg gehört‘, die jedoch lieber einer fair bezahlten Arbeit nachgehen würden. Dies war zumindest der vermittelte Eindruck in einigen Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und das ‚Mütter‘ in den meisten Teilen der Welt für ‚Reproduktion‘ und ‚Haushalt‘ verantwortlich gemacht werden, es also sexistische Rollenbilder gibt, ist ein klassizistischer Diss eines akademischen Muskelshirt-Trägers, den dieser sich hätte sparen können.

„Fürchterlich gern wird hier mit geleasten Wagen geprotzt, und das restliche Geld am Automaten verzockt“20, heißt es weiter im Text. Auch diese Bestandteile der Beschreibung des Stadtteils sind Kennzeichen für Marginalisierung. Wenn eine Person sich einen Wagen least, um damit zu protzen, dann ist das meistens ein Ausdruck davon, dass diese Person sonst nicht häufig vom gesellschaftlichen Reichtum profitiert hat. Dieses Protzen kennzeichnet eine Gesellschaft, die konkurrenzhaft um Statussymbole bemüht ist. Glücksspielsucht ist ebenfalls ein Symptom der Perspektivlosigkeit und des verzweifelten Versuchs durch Glück einen monetären Aufstieg, gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung zu erlangen.21

Und weil im Jungbusch gerade viel gebaut wird, sucht Tonomat 3000 nach einem einfachen Reim: „Schreib mir besser keine Briefe, denn die Post wird geklaut // und da wo heut Ruinen stehn werden bald Lofts hingebaut“22.  Also warnen sie davor, dass im Jungbusch angeblich keine Post ankommt, weil scheinbar alle Briefe geklaut werden. Häufig werden für diese Diebstähle, ob sie wirklich stattfinden oder nicht, Menschen auf Grund rassistischer Stereotype verantwortlich gemacht. Es handelt sich um das sehr weit verbreitete Stereotyp des ‚kriminellen Ausländers. Obwohl dieses Stereotyp seit Jahren durch einige wissenschaftliche Arbeiten aus der Kriminalitätsstatistik, deren medialen Aufbereitung und im politischen Diskurs eindeutig widerlegt wurde23, überdauert es vielerorts in den rassistischen Erklärungsmustern für Kriminalität.

Jetzt bleibt eigentlich noch die Frage offen, ob keine Post mehr geklaut wird, wenn die Lofts fertig sind, doch es geht schon weiter: „Morgens früh kauft sich schon die Pennergruppe an der Tanke Eichbaumpils“24. Wohnungslose als ‚Penner‚ zu bezeichnen ist abwertend. Anzunehmen, dass alle Menschen mit Alkoholproblem wohnungslos sind, ist ein Stereotyp gegenüber Wohnungslosen. Glücklicherweise war eine hiervon betroffene Person sehr interessiert an GENTRIFIJUNGBUSCH und war für ein Interview bereit, dessen Inhalt an späterer Stelle zum Thema Aufwertung einbezogen wird.

Fachberatungsstelle für Wohnungslose an der Ecke Holzstraße / Schanzenstraße.

Fachberatungsstelle für Wohnungslose an der Ecke Holzstraße / Schanzenstraße.

Stereotypen gegenüber als ‚Penner‘ bezeichnete Personen und als ‚Ausländer‘ stigmatisierte sind scheinbar in der Mannheimer Region fest verwurzelt. So beschrieb Inken Keim, bis 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für deutsche Sprache (IDS) und apl. Professorin an der Universität Mannheim, in Kommunikation in der Stadt einer langjährigen soziolinguistischen und ethnographischen Untersuchung Mannheimer Stadtteile im zweiten Teil aus dem Jahr 1995 Unterschiede zwischen „Ausländern“ und „deutscher Stammbevölkerung“, aber auch das Leben von „Pennern“.25  Die Beschreibung erfolgte dabei in einer fragwürdigen Art und Weise, die, ähnlich wie das hier beschriebene Lied, rassistische Stereotypen und Vorurteile gegenüber Obdachlosen reproduziert. Ihre Forschung beschreibt unter anderem den Unterschied zwischen „auffälligen Ausländer“26 und „unauffälligen und arrivierten Ausländern“27.

Obwohl es mir persönlich schwer fällt den diskriminierenden Inhalt der Forschungsarbeit wiederzugeben, eignen sich die transkribierten Interviewausschnitte und die Beschreibung aus den 90er Jahren sehr gut, um auf die Beständigkeit von Stereotypen aufmerksam zu machen:

„Penner fallen im Stadtteil besonders in der Jungbuschstraße auf, betrunken und zum Teil auch verwahrlost aussehende Männer (kaum Frauen), die mit klappernden Flaschen in einer Plastiktüte die Straße entlang laufen […]. Es gibt im Stadtteil relativ feste Plätze mit für Pennerbedürfnisse günstigen Bedingungen, an denen sie sich treffen […]. Von vielen Stadtteilbewohnern und auch -besuchern werden Penner als störend und lästig empfunden, weil sie ’stinken, saufen‘ und ‚grölen‘ und dann in der Öffentlichkeit ‚pinkeln‘. […] ‚Die stinke so un sin so dreckisch … die sin kän schöner anblick, wem=mer in ruh soin kaffee trinke will.‘ […] Bei Belästigungen greifen Anwohner gelegentlich auch zur Selbsthilfe, sie verjagen Penner durch Schimpfen, aber auch durch ‚wasserschütten‘, eine für Penner in der kalten Jahreszeit lebensgefährliche Aktion.“ (Ebd., S. 164ff.)

Hierbei handelt es sich nicht um eine Randerscheinung. Im Text finden sich auch Beispiele für eine breite gesellschaftliche Akzeptanz von Rassismus und Sozialdarwinismus:

„Das zweite Filsbachtreffen fand im Kaisergarten in der Neckarstadt statt, einem Saal, der ca. 450 Leute faßt. Die Leute saßen an langen Tischreihen, viele festlich gekleidet, die Frauen in langen Kleidern, in dunklen Röcken und hellen Blusen mit tiefen Dekolletés. […] Das Programm der Veranstaltung war die derbe Variante eines Faschingsprogramms mit Akzent auf filsbach-spezifischer Thematik und Darstellungsweise. Nach meiner Beobachtungen […] kamen einige Nummern besonders gut an […] Diese Nummern zeichneten sich aus entweder durch eine ‚anzügliche‘ Darstellungsweise oder durch inhaltliche Anspilungen auf derzeitige Verhältnisse in der Filsbach, z.B. die vielen Ausländer und Penner […]. Von den Liedern der I-Tüpfelcher, einem Frauentrio, […] begeisterte besonders der Song ‚Sperrmüll im Quadrat‘ […]. Der Song „Sperrmüll im Quadrat“ enthält Anspielungen auf Filsbacher Wohnverhältnisse und behandelt zentral das Verhalten türkischer Einwohner am Sperrmülltag, ihr Wühlen im Sperrmüll und ihr Aufsammeln von deutschen Abfallgütern. […] Das ‚Pennerlied‘, von ca. zehn als Penner verkleideten Sängern vorgetragen, wurde vom Organisator angesagt durch: ‚guckt ämol, do kumme die penner, isch denk isch wär in de Filsbach oder im Quick‘.“28

Gegen Ende des Liedes folgt eine Aufzählung der Lärmfaktoren im Stadtteil. Gemeint sind damit nicht etwa Bands die auf der Straße auftreten, die Geräusche aus dem naheliegenden Hafen, feiernde Studierende oder ein vorbeifahrender Regionalzug, sondern „Kinderschreie“ und „Motorheulen“.29 Auch an dieser Stelle findet sich 20 Jahre zuvor ein ähnliches Bild:  „Ausländer sind laut […]. Mit dem Attribut laut u.ä. werden die unterschiedlichsten Sachverhalte bezeichnet, zunächst das Verhalten von Kindern in Treppenhäusern, auf Höfen, in Wohnungen.“30

Zur Übersicht sind die Zuschreibungen im Song in diesem Schaubild zusammengefasst:

Auf den Jungbusch vermittelte Sicht durch den Song "Jungbusch" der Gruppe Tonomat 3000.

Auf den Jungbusch vermittelte Sicht durch den Song „Jungbusch“ von Tonomat 3000 (eigene Darstellung).

Konsequenterweise muss nach der Analyse auch diese letzte zu betrachtende These der Gruppe verneint werden: „Spießer gibt es nicht, hier zieht man hin, wenn man sein Freiraum will.“31 Der vorgeschobene Nonkonformismus dieses Songs und die hier aufgezeigten Stereotypen zeugen von fehlender Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und einer mangelnden Auseinandersetzung mit Rassismus, der in Mannheim 1992 beinahe zum Pogrom führte. Als einzige Ursachen für die besungenen Phänomene sind kurz Anonymität und das ‚Recht des Stärkeren‚  genannt, das jedoch mit „Ach komm leck mich am Arsch“32 abgetan wird. Was dieses ‚Recht des Stärkeren‘ in Bezug auf den Jungbusch sein soll, wird leider nicht erklärt. Der Mangel an Kritik an bestehenden Verhältnissen, ja sogar das Wohlfühlen in vermeintlichen Freiräumen, zeugt von Spießigkeit schlechthin.

Kulturelle Räume im Jungbusch

Interessanter Weise haben die Personen im Jungbusch bei der kartographischen Befragung die Popakademie mit der Kategorie „kreativ, Kunst und Kultur“ nicht so oft versehen, wie vielleicht angenommen. Nach diesen beiden Geschmacksproben vielleicht verständlich. Anlass genug sich die markierten Orte genauer anzusehen. Dazu wurden schon während der Woche Interviews geführt und Beobachtungen notiert. Außerdem konnte im Nachhinein zusätzlich zu den genannten Beispielen für „kreativ, Kunst und Kultur“ geforscht werden. Dabei stellte sich heraus, dass viele der genannten Orte nicht unbedingt dem entsprechen, was als populär gilt. Sie bieten andere Sichtweisen auf den Stadtteil und schaffen eine Art Gegen-Hegemonie zum kulturellen Mainstream.

Häufig wurde die Kategorie dafür um die Rockkneipe CONTRA`N und das O-TON, das zeitraumexit und Kulturbrücken Jungbusch e.V. vergeben. Auffällig ist auch, dass eigentlich nur die Jungbuschstraße, die Böckstraße, die Werftstraße und der nördliche Teil der Hafenstraße ab der Teufelsbrücke genannt wurden. Östlich der Beilstraße sind nur das Cafe Buschgalerie, die Yavuz Sultan Selim Moschee und das Gebiet um das Atelier Neuland markiert. Zwischen Kirchenstraße und Kurt-Schumacher sowie am Neckarufer gibt es hingegen keine nennenswerten Orte, die mit „kreativ, Kunst und Kultur“ in Verbindung gebracht werden.


Um so stärker die jeweiligen Flächen blau markiert sind, um so mehr Menschen haben angegeben, dass dieser Ort für „kreativ, Kunst und Kultur“ steht (zur Vollbildanzeige).

Das CONTRA`N existiert nunmehr seit 25 Jahren und war im Jahr 1989 die erste alternative Kneipe im Jungbusch. In der Anfangszeit wurde den Alternativen und Punker*innen keine Perspektive im „Rotlichtviertel“ zugestanden. Doch wider der hohen zu erfüllender Bierausschankquoten in den Anfangsjahren, Anwohner*innenbeschwerden und Gängeleien des Bauordnungsamts kann mensch bis heute hier zur Musik mit guter Stimmung feiern.

Das CONTRA`N war schon immer ein beliebter Treffpunkt im Jungbusch

Das CONTRA`N war egal ob am alten oder neuen Ort schon immer ein beliebter Treffpunkt im Jungbusch.

Im CONTRA`N haben die Leute auch mitbekommen, wie nur 150 Meter entfernt erst der Musikpark und dann die Popakademie eröffnet wurde (ab hier sind Interviewausschnitte kursiv gedruckt) und der Stadtteil auf einmal vom Schmuddelkind zum Aushängeschild werden sollte. Auf die etwas weiter entfernt gelegene Jungbuschstraße, auf der am Wochenende besonders viel los sein soll, hat mensch im CONTRA`N eine eigene Perspektive: Das ließe irgendwann einen riesen Schlag, denn für manche sei es dort wie ein Spielplatz. Es finge schon damit an, dass die ersten Kneipen bereits Türsteher hätten. Rechte und Nazis sind hier im CONTRA`N nicht willkommen und hätten früher nie in den Stadtteil gefunden. Jetzt – wo am Wochenende mehr los sei, könne mensch das so genau nicht mehr sagen. Im CONTRA`N würde sich nicht auf eine Musikrichtung, ob Punk, Rock oder Metal, festlegen. Es ginge um den Zugang zur Musik, diese müsse nicht klassifizierbar sein, um gut zu klingen. Das Mannheim sich Pop-Hauptstadt nenne, aber Straßenkünstler*innen nach spätestens 15 Minuten vom Ordnungsamt vertrieben würden, dass könne hier keine*r verstehen.

Doch es gibt auch noch Orte in Mannheim an denen Straßenkünstler*innen gern gesehen sind. Der Kulturbrücken Jungbusch e.V. war während seines fünfjährigen Bestehens an verschiedenen Orten im Stadtteil aktiv und wurde bei der kartographischen Untersuchung mit seinen derzeit bespielten Räumlichkeiten in der Böckstraße häufig in der Kategorie „kreativ, Kunst und Kultur“ genannt. In seiner Konzeption beschreibt sich der Verein als „eine Plattform, die die Überwindung von kulturellen Grenzen zum Ziel hat, Menschen zusammenbringen will und dies mit viel Freude.33

Die Veranstaltungsankündigung des Kulturbrücken Jungbusch e. V. sind im ganzen Stadtteil präsent. Hier ein Beispiel.

Die Veranstaltungsankündigung des Kulturbrücken Jungbusch e. V. sind im ganzen Stadtteil präsent.

Das Angebot „bietet Kulturschaffenden und Besuchern ein unabhängiges Forum, in dem das künstlerische Leben gefördert und ein nachhaltiger Prozess des Austausches in Bewegung gesetzt34 werden soll:

„Kulturbrücken Jungbusch e.V. fördert als gemeinnütziger Verein die Völkerverständigung, Integration, Bildung und Kultur von und mit Menschen unterschiedlicher Herkunft. Kulturbrücken e.V. fördert das kreative interkulturelle Miteinander, zeigt Gemeinsamkeiten sowie spannende Unterschiede verschiedener Nationalitäten und lässt Traditionen einzelner Kulturen durch Konzerte, Ausstellungen, Filmvorführungen und Tanz lebendig werden. Wir sorgen für eine Atmosphäre des gegenseitigen Austauschs und der Kommunikation und stellen hierfür geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung. Kulturbrücken ist zugleich ein soziokulturelles Zentrum.“35

Obwohl auch hier von unterschiedlichen ‚Völkern‘ und „spannenden Unterschieden verschiedener Nationalitäten“ die Rede ist, nimmt der Kulturbrücken Jungbusch e.V. im Stadteil eine Schlüsselrolle in der Benennung von Rassismen ein. So macht der Verein in seinem Auftritt in sozialen Netzwerken (facebook, youtube) immer wieder – zwar meist sarkastisch – auf das Stereotyp des zugemüllten Stadtteils aufmerksam. Auch beziehen die Verantwortlichen Stellung gegen antimuslimischen Rassismus sowie Antisemitismus und machen auf die marginalisierte Stellung von Sinti und Roma aufmerksam. Neben dem regionalen und globalen Musikbetrieb bietet Kulturbrücken zusätzlich Beratungsangebote für „Roma und Neueinwanderer im Jungbusch“ und dies bisher ohne „Zuschüsse von städtischen Institutionen oder anderen Einrichtungen“.36 Auch in vielen Interviewsituationen bezogen sich verschiedene Menschen aus dem Jungbusch sehr positiv auf die Arbeit, die vom Verein geleistet wird. An dieser Stelle wurde zusätzlich aus einer Pressemitteilung (Für Selbstbestimmung gegen Ausgrenzung und Ausbeutung)  zitiert, um auf die lobenswerten Positionen des Vereins aufmerksam zu machen:

„In Bulgarien werden viele von ihnen als ‚türkische Minderheit‘, ‚Armutsbevölkerung‘ und ‚Zigeuner‘ diskriminiert. Vor allem in den postsozialistischen Transformationsstaaten Osteuropas leben die meisten Minderheiten in bitterer Armut am Rande der Gesellschaft, vom Rassismus der Mehrheitsgesellschaft bedroht. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus waren vor allem die Roma von Arbeitsplatzverlust und Erodierung der Sozialsysteme betroffen. Auch in Mannheim leben viele unter unsäglichen Bedingungen: Oft ohne Wohnung, Wasser, medizinische Versorgung. Fast unüberwindbare gesetzliche und bürokratische Hürden verwehren ihnen rechtlich abgesicherte Arbeitsverhältnisse und geben sie der Arbeitsausbeutung und dem Lohnbetrug preis. Als neue EU-Bürger_innen genießen sie eingeschränkte Rechte – doch viele davon nur auf dem Papier. Die Stadt nimmt sie vor allem als Objekte behördlichen Handelns wahr. Auch die Politik ignoriert sie als Subjekte – doch sie sind da und wollen teilnehmen. Sie wollen Respekt und mehr Rechte – nicht nur auf dem Papier!“37

Seit 2000 wirkt der zeitraumexit e. V. im Jungbusch.

Seit 2000 wirkt der zeitraumexit e. V. als Zusammenschluss von Kunst- und Kulturprojekten im Jungbusch.

Ausbrechen aus gewohnten Mustern möchte man nicht nur bei Kulturbrücken. Während der Forschungsreise nach Mannheim fand auch das überregional bekannte B-Seite Festival 2014 des zeitraumexit e.V. statt:

„zeitraumexit hat es sich zur Aufgabe gemacht zeitgenössische Positionen der Bildenden und Darstellenden Kunst zu präsentieren, zu ermöglichen und zu diskutieren. Live Art, Performance-Kunst, Video, Installation, Zeichnung, Fotografie, Tanz, Lecture. Das Spektrum ist weit gefasst. […] Durch seine Aufgeschlossenheit gegenüber allen Arten von Medien und sein besonderes Interesse an medienübergreifenden Projekten fällt zeitraumexit im Segment der auf Performance und aktuelle Kunst spezialisierten Häuser auf. […] zeitraumexit schafft in Mannheim einen der wenigen Plätze Deutschlands, an denen man Experimente fördert, die an der Schnittstelle zwischen bildenden und darstellenden Künsten liegen. Somit sehen wir uns als wichtigen Organismus in der Entwicklung und Wahrnehmung neuer künstlerischer Ausdrucksformen.“38

Direkt nebenan befinden sich seit 2006 die Räume von sunshine live, einem bekannten Internetradio für elektronische Musik. Das auch Techno politisch ist, beweist der Radiosender aktuell mit einem Spendenaufruf39 für die Unterstützung von Geflohenen und gegen Rassismus. Der Radiosender ist ein Beispiel für Kulturschaffende, die sich kurze Zeit nach der Popakademie, in diesem Fall etwa drei Jahre später, im Jungbusch angesiedelt haben.

Schon von weitem zu sehen ist sunshine live an der Ecke Böckstraße / Hafenstraße.

Schon von weitem zu sehen ist sunshine live an der Ecke Böckstraße / Hafenstraße.

Inmitten der Bars und Kneipen der Jungbuschstraße befindet sich seit 2009 auch Strümpfe – the supper art club. Die „Nachtgalerie Strümpfe“ definiert sich als „Ort spartenübergreifender Kunst-Kultur-Kommunikation“ ((http://struempfe-jungbusch.de/info, abgerufen am 24.04.2015 um 17:21 Uhr.)):

„Viele Künstler nutzen Strümpfe als Plattform für Erstpräsentationen ihrer neuesten Arbeiten. Wichtig ist uns das besondere Potential zeitgenössischer Künstler in Mannheim und Umgebung aufzuzeigen und mit außergewöhnlichen, eigenartigen Positionen überregionaler Künstler spartenübergreifend aus den Bereichen Fotografie, Malerei, Schmuck, Skulptur und Videokunst zu präsentieren.“40

Die Nachtgalerie war tatsächlich mal ein Geschäft für Strümpfe.

Die Nachtgalerie war tatsächlich mal ein Geschäft für Strümpfe.

Die Richtung macht den Unterschied

Im Jungbusch wurde an verschiedenen Stellen Kultur ausgemacht und betrachtet. Dabei stellte sich heraus des maßgebliche Unterschiede innerhalb der kulturellen Orte gibt. Das Ergebnis der Untersuchung wurde im Folgenden zusammengefasst.

Ein erheblicher Teil der Orte hat sich über die Jahre entwickelt und hat sich nach dem Prinzip Bottom-Up etabliert. Diese Orte kennzeichnen sich durch engagierte Menschen hinter den jeweiligen Projekten, die aus ihren jeweiligen Nischen heraus erfolgreich wurden und Kulturschaffenden Entfaltungsraum und Publikum ermöglichten und dies auch weiterhin tun. Meistens werden projektbezogene Fördergelder ausgezahlt, die Arbeit deckt den eigenen Lebensunterhalt oder erfolgt ehrenamtlich. Diese Orte erfreuen sich großer Beliebtheit bei ihrem jeweiligen Publikum. Kultur steht hier für Ausdruck und Entfaltung und wird erlebbar.

Andere Orte wie die Popakademie des Landes oder das sich während des Forschungsprojekts in der Bauphase befindliche Kreativwirtschaftszentrum am Verbindungskanal sind eindeutige Hinweise auf eine gezielte Entwicklung nach dem Top-down Prinzip. An diesen Orten herrscht ein anderes Kulturverständnis: „Wo einst gehandelt und produziert wurde, wird auch in Zukunft gehandelt und produziert – nur mit anderen Waren und Inhalten.“41 Hier entsteht Populärkultur, die sich an ein möglichst breites Publikum richten soll. Diese Art der Kultur hat einen Warencharakter, der vermarktungsfähige Produkte erzeugt und Kultur verwertbar und erwerbbar macht.

„Die Künstler und Kulturarbeiter stehen als flexible und selbstverantwortliche Subjekte Modell für eine Neuorganisation der Gesellschaft. Man kann das sehr genau an der gängigen Narration in der Musikindustrie beobachten. Im Kern sind die meisten in der Kreativindustrie tätigen Menschen ja „Arbeiter“, wenn man diesen altmodischen Begriff wieder einführen möchte, nämlich „Kulturarbeiter“, ein Begriff, den zu verwenden ich bevorzuge – ob Aufnahmeleiter oder Arbeiterin im Presswerk, ob die Verkäufer in den Plattenfirmen, die sich so gern als „Produktmanager“ bezeichnen, in Wahrheit aber natürlich alles andere als Manager sind, sondern Verkäufer eines industriell hergestellten Produkts, bis hin zu den Komponisten und Interpreten, die ja nach dem Stand der kulturellen Produktionsverhältnisse am ehesten privilegierte produzierende Facharbeiter im Sektor Dienstleistungen sind, wenn man sie soziologisch einordnen möchte, und keineswegs Unternehmer. “42

Durch die gezielte Auszahlung von Fördergeldern, ordnungspolitische Maßnahmen und bauliche Auflagen können Bottom-Up Projekte gezähmt und vereinnahmt werden. Sie verleihen den Top-down Projekten ein authentisches Umfeld. Christoph Twickel beschreibt dieses Phänomen in Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle unter der Teilüberschrift: „Künstler rein, Arme raus. Kultur als Standortfaktor43. Er beschreibt dort anschaulich am Beispiel Hamburgs „Off-Kultur als Intrument der ‚Belebung‘ und ‚Aufwertung“44.

„Spätestens seit der Jahrtausendwende ist bei den politischen Institutionen die Erkenntnis angekommen, dass kulturelle Zwischennutzungen hilfreich sein können, um für urbane Problemzonen ein freundlicheres Image zu schaffen. Statt die aus dem Markt gefallenen Objekte veröden zu lassen, überlässt man sie zeitweilig den Protoagonisten der lokalen Off-Kultur, die sie dann mit geringen Mitteln und viel Einsatz bespielen.“45

Andere Projekte sind widerspenstig und schaffen eine Gegen-Hegemonie zum kulturellen Mainstream. Kulturbrücken Jungbusch e. V. und das CONTRA’N sind solche Orte. Beide arbeiten auf ihre Art antirassistisch. Das heißt nicht, dass andere Orte dies nicht auch tun oder diese Orte frei von rassistischen Stereotypen sind.

Dass die Popakademie sich beispielsweise erst so spät von Xavier Naidoo getrennt hat, obwohl schon vorher bekannt gewesen sein muss, wie dieser zu bestimmten Themen steht, lässt auf die der Funktion der Akademie schließen. Erst in dem Moment, in dem Naidoo als öffentlich nicht mehr tragbar angesehen wird, überwiegt der Schaden dem Nutzen. Der Star wird abgestoßen, wie ein fallendes Aktienpaket an der Börse oder ein*e Arbeiter*in in einer Chemiefabrik, die durch jahrelange Arbeit krank wurde. Dabei ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass einige der Produkte der nach dem Top-down Prinzip geschaffenen Orte z.B. Tonomat 3000, selbst von oben herab agieren. Stuart Hall beschrieb die Entstehung von rassistischen Wissensbeständen einst als „immer dann, wenn die Produktion von Bedeutung mit Machtstrategien verknüpft sind und diese dazu dienen, bestimmte Gruppen vom Zugang zu kulturellen und symbolischen Ressourcen auszuschließen.“46

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Für alle, die sich die Kartographie zu „Kultur, kreativ, Kunst“ genauer ansehen möchten, wird die Karte hier (Vollbildanzeige) erneut bereitgestellt:

Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur):

  1. Fuchs-Heinritz, Werner (2011): Lexikon zur Soziologie – „Kultur“, S. 384f. []
  2. Ebd. []
  3. http://www.musikexpress.de/fundstuecke/article627328/xavier-naidoo-im-interview-ich-bin-ein-rassist-aber-ohne-ansehen-der-hautfarbe.html, abgerufen am 24.04.2015 um 18:16 Uhr. []
  4. https://www.freitag.de/autoren/liebernichts/hidden-track, abgerufen am 02.02.2015 um 23:30 Uhr. []
  5. vgl. http://www.intro.de/popmusik/xavier-naidoo, abgerufen am 02.02.2015. []
  6. vgl. http://www.musikexpress.de/news/meldungen/article645638/popakademie-distanziert-sich-von-xavier-naidoo-heimatstadt-bedauert-entwicklung.html, abgerufen am 05.02.2015 um 10:01 Uhr. []
  7. Vgl. http://popakademie.de/studium/fachbereich-popularmusik/popmusikdesign/inhalte-1/inhalte, abgerufen am 05.02.2015 um 10:03 Uhr. []
  8. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 28.01.2015 um 17:03 Uhr. []
  9. Ebd. []
  10. Ebd. []
  11. Ebd. []
  12. Ebd. []
  13. Ebd. []
  14. Häusler, Alexander (2006): S. 111. []
  15. http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/1.html, abgerufen am 20.03.2015 um 14:20 Uhr. []
  16. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 03.02.2015 um 18:56 Uhr []
  17. Vgl. http://www.sueddeutsche.de/bayern/zuwanderer-in-deutschland-csu-fordert-deutsch-pflicht-fuer-zu-hause-1.2254388, abgerufen am 05.02.2015 um 10:22 Uhr. []
  18. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 03.02.2015 um 18:56 Uhr. []
  19. Ebd. []
  20. Ebd. []
  21. Vgl. http://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/schwierige-wege-aus-der-spielsucht-1.1977145, abgerufen am 05.02.2015 um 10:45 Uhr. []
  22. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 03.02.2015 um 18:56 Uhr []
  23. Vgl. Christian Pfeiffer (1995). []
  24. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 03.02.2015 um 18:56 Uhr []
  25. Vgl. Keim, Inken (1995). []
  26. Ebd., S. 148ff. []
  27. Ebd., S. 153ff. []
  28. Ebd., S. 182ff. []
  29. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 03.02.2015 um 18:56 Uhr []
  30. Vgl. Keim, Inken (1995): S. 151. []
  31. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 03.02.2015 um 18:56 Uhr. []
  32. https://www.youtube.com/watch?v=M_JoO9cuQD0, abgerufen am 03.02.2015 um 18:56 Uhr. []
  33. http://www.kulturbruecken-jungbusch.de/konzeption-kulturbruecken.html, abgerufen am 02.02.2015 um 16:24 Uhr. []
  34. Ebd. []
  35. Ebd. []
  36. http://www.kulturbruecken-jungbusch.de/anlauf–und-beratungsstelle.html, abgerufen am 03.02.2015 um 00:59 Uhr. []
  37. https://m.facebook.com/notes/kulturbr%C3%BCcken-jungbusch-ev/bulgaren-rum%C3%A4nen-und-roma-als-neub%C3%BCrger-in-mannheim/591972360863862/, abgerufen am 03.02.2015 um 1:16 Uhr. []
  38. http://www.zeitraumexit.de/profil-0, abgerufen am 03.02.2015 um 1:46 Uhr. []
  39. Vgl. http://www.sunshine-live.de/news/aktuelle-news/pages/2015/01-januar/spendenaktion-aleppo/, abgerufen am 03.02.2015 um 1:52 Uhr. []
  40. Ebd. []
  41. https://www.mannheim.de/wirtschaft-entwickeln/kreativwirtschaftszentrum-jungbusch, abgerufen am 05.02.2015 um 12:45 Uhr. []
  42. http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/1.html, abgerufen am 20.03.2015 um 13:59 Uhr. []
  43. Twickel, Christoph (2010): S. 50. []
  44. Ebd., S. 52. []
  45. Ebd., S. 52. []
  46. Hall, Stuart (1989):  S. 913f. []

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