Protokoll des Orientierungsspaziergangs

Am Abend des 17.03.2014 starteten wir zu einem Orientierungsspaziergang durch den Jungbusch in der Hafenstraße. Auffällig war dabei zunächst der markante Geruch, den mir meine ortskundige Begleitung durch die nahe Lage der Kakaobohnen verarbeitenden Schokinag am Neckar erklärte. Unser Weg führte uns vorbei an der Teufelsbrücke, die den Jungbusch über dem Verbindungskanal mit dem linken Rheinufer der Mühlauinsel verbindet und vor kurzem hätte abgerissen werden sollen.

Nicht zu übersehen waren dabei die großen Baustellen am Rheinufer des Jungbusch. Auf Höhe einer Aral-Tankstelle bogen wir in die Jungbuschstraße ein, die durch die vielen Kneipen und Cafés auf beiden Straßenseiten gekennzeichnet ist. Einige davon seien neu, andere alt eingesessen – am Wochenende seien die meisten gut besucht. Zwischen all den Kneipen, in denen beliebte Szenegetränke wie beispielsweise das Hamburger Bier Astra konsumiert werden, liegt das Gemeinschaftszentrum, dass auch der Sitz des Quartiermanagement (sic!) ist. Auch gäbe es hier mit der Kombüse schon ein vegetarisches und veganes Restaurant. Das klang zumindest schon mal typisch nach Szenevierteln – wie es sie auch in anderen großen Städten gibt.

Gemälde mit Draufsicht auf den Jungbusch in der Unterführung Dalbergstraße.

Gemälde mit Draufsicht auf den Jungbusch in der Unterführung Dalbergstraße.

Bei einem Blick in die Beilstraße sahen wir dort einige Kinder mit ihren Eltern, aber auch Jugendliche, die sich rund um den Spielplatz und die Kioskbude aufhielten. Hier träfen sich viele Einwohner*innen des Stadtteils. Vor kurzem hätte es eine Reportage bei Pro7 gegeben, in der sich die taff-Redakteure über „Armuts-Zuwanderung“ und „meterhohe Müllberge, Armut und Kriminalität“ ausgelassen hätten. Am Ende der Jungbuschstraße angekommen verpflichtete mich meine Begleitung auf einen Besuch im Rhodos, einer griechischen Eckkneipe mit Kultfaktor, innerhalb meines Mannheim Aufenthalts. Das müsse man erlebt haben, vor allem am Wochenende sei hier was los. Hingegen würde mir auf der anderen Straßenseite sicher noch auffallen, dass sich dort auch tagsüber Leute zum Trinken in der Nähe eines kleinen Lebensmittel- und Getränkemarkts träfen.

Vorbei an der Yavuz Sultan Selim Moschee und der Liebfrauen-Kirche machten wir uns entlang der vielspurigen Dalbergstraße, die den Jungbusch von den Quadraten trennt, auf den Weg zum Penny-Markt an der Freherstraße. Dieser sei der einzige größere Supermarkt für den gesamten Jungbusch. Wir kauften uns ein Feierabend- und Wiedersehens-Bier und liefen den Weg zurück in die Jungbuschstraße, um uns dort vor eine der noch geschlossenen Kneipen zu setzen. Vor der Hagestolz Bar angekommen, wies uns einer der jungen Inhaber darauf hin, dass wir nicht zu laut sein, uns unser Bier aber schmecken lassen sollten. Unter der Woche seien die Kneipen um Ruhe bemüht, da es in der Vergangenheit durchaus Anwohner*innenbeschwerden gegeben hätte.

Liebe Gäste, bitte bitte mit Sahnehäubchen, tut unseren Nachbarn und uns einen Gefallen und verhaltet euch vor dem Laden ruhig. 1000 Dank. Eure Nelson Crew

Auch vor der Nelson Cafe Bar in der Jungbuschstraße werden die Gäste um Ruhe gebeten.

Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass unser Gesprächspartner selbst einst Soziologie studierte. Er meinte, als ich die Idee hinter GENTRIFIJUNGBUSCH vorstellte, „wer das Wort Gentrification kennt, ist selbst schon Teil des Problems“. Ein Satz über den wir alle lachen mussten. Er musste los, denn am selben Abend war zufällig Andrej Holm in der Stadt um zum Thema „Gentrification contra Recht auf Stadt“ vorzutragen. Gerade habe sich in Mannheim das Bündnis „Wem gehört die Stadt?!“ gegründet. Wir verblieben dabei, dass ich in den nächsten Tagen abends nochmal im Hagestolz vorbei schauen sollte, wenn ich noch Fragen hätte.

Nach dem Bier beendeten ich und meine Begleitung den Spaziergang, da es in den Abendstunden trotz des guten Wetters dennoch erst märzlich kühl war. Ich hatte einen guten ersten Eindruck gewonnen: Industrie im Nordosten des Jungbusch, der Konflikt um die Teufelsbrücke, Neubau am Kanal, Kneipenszene und Anwohner*innenbeschwerden, die Anwesenheit eines Quartiersmanagements, ein Platz an dem sich viele Einwohner*innen treffen, mediale Berichte über sog. Armutszuwanderung aufgeladen mit Stereotypen gegenüber Menschen aus dem Osten Europas, eine Trinker*innenszene, eine der größten Moscheen Deutschlands und das in Mannheim Menschen beginnen Gentrifizierung als Problem wahrzunehmen und sich dagegen organisieren. Wer das Wort Gentrification kennt und sich mit Marginalisierung beschäftigt, entwickelt eine eigene Perspektive und bietet Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Problemlagen in Stadtteilen.

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