Methoden der Empirisierung

Auswertungsphase

In der Auswertungsphase wurde versucht aus dem gesammelten Material heraus die losen Forschungsfragen zu beantworten: Kann im Jungbusch Gentrifizierung verortet werden? Können im Jungbusch Formen von Rassismus lokalisiert werden? Gibt es Anknüpfungspunkte zwischen urbanen Aufwertungsdynamiken und Beispielen für Rassifizierung? Dazu wurden verschiedene Perspektiven auf die Beantwortung mit einbezogen und die einzelnen Fragen weiter differenziert. Das heißt auch, dass einzelne Beobachtungen, Interviewinhalte, kartographische Erkenntnisse, bauliche Substanz und vieles mehr interpretiert und zu einem fragespezifischen Gesamtbild zusammengefasst wurden. Dazu habe ich mehrere lose Kategorien bei der Sichtung des Materials ausgemacht und diese stets weiter entwickelt.

Zu Beginn verfasste ich zu beiden Themen einführende Artikel, bevor die Beiträge sich praktischen Themen im Stadtteil zuwenden sollten. Ich entwarf eine eigene theoretische Betrachtung der Gentrifizierung, die ich Emporisierung nenne und einen Artikel zu Rassismus in der Gesellschaft.

Grounded Theorie

Für die Auswertung des vorliegenden Materials galt es verschiedene Vorannahmen zu treffen. Die Grounded Theorie, der „Forschungsstil zur Erarbeitung von in empirischen Daten gegründeten Theorien“1 , bildet in dieser Forschungsarbeit die Grundlage für die Analyse der narrativen Interviews. Vor der Analyse ist meist unklar, was sich hinter dem untersuchten Sachverhalten in allen Details verbirgt. Daher würde eine vorweg genommene Spekulation und Thesenbildung zu kurz greifen. Durch die Grounded Theorie ergeben sich weitreichendere Möglichkeiten der Theoriebildung. Sie lässt sich als eine „Streuung des Prozess aus sich selbst heraus“, also eines „kontinuierlichen Wechsels von Handeln und Reflexion“, beschreiben.2 Während der eigentlich Codierungsarbeit am Material und auch noch nach dem Abschluss der eigenen Forschungsarbeit ist so eine mögliche Weiterentwicklung oder Neuausrichtung der Forschungsergebnisse auf Grundlage anderer oder neuer Erkenntnisse möglich. Standardisierte Methoden würden hier selbst entwickelten und nachvollziehbaren Forschungsergebnissen durch die Vorwegnahme von möglichen Ergebnissen widerstreben und der interviewenden und interviewten Person nicht gerecht werden. Weiter sind die „Forschenden […] nie neutrale Beobachter (!), sondern zwangsläufig […] Interpreten (!) ihrer Daten und […] Entscheider (!) über den konkreten Gang der theoretischen Argumentation“3 . In den Sozialwissenschaften ist in diesem Fall die Gesellschaft oder das Feld, also anderes als im Streben vieler naturwissenschaftlichen Versuchsanordnungen, stets kontaminiert durch die Anwesenheit von Forschenden und die Forschung immer ein Produkt der gegenseitigen Einflussnahme.

GENTRIFIJUNGBUSCH Autor Moritz Krauß am Verbindungskanal (Hintergrund: Baustelle Hafenstraße)

GENTRIFIJUNGBUSCH Autor Moritz Krauß im Feld (Hintergrund: Baustelle Hafenstraße).

Dieses Bild steht symbolisch dafür, dass ich mich im Feld bewegt habe. Bei einer genaueren Ansicht, die davon absieht, dass ich Bilder von mir selbst hoch lade, fällt der Blick auf den Hintergrund des Bildes. Dieser ist nicht etwa zufällig gewählt – das Bild ist auch nicht zufällig entstanden. Ich bat einen Freund mich im kontrastreichen Feld zwischen altem Hafenkran und neuem Baukran, historischer Kauffmannmühle und Investor*innentraum abzulichten. Wie soll ich in dieser Lage eine neutrale Perspektive liefern, wo in meinem Rücken teure Lofts entstehen? In diesen würde ich zwar gerne wohnen, weil das sicherlich ganz schick wäre, ich könnte es mir jedoch (wie die meisten im Jungbusch) nicht leisten dort einzuziehen. So interpretiere ich eine Kulisse in der immer noch Leerstand vorhanden ist stets als ungenutzten Wohnraum. Andere hingegen interpretieren den selben Leerstand als spekulatives Mittel der Wertsteigerung von Investitionsflächen. Doch genau diese Unterschiede machen eben Macht(verhältnisse) in der Gesellschaft aus. Wer dabei vorgibt eine neutrale Meinung einzunehmen, wird entweder von der vorherrschenden Meinung überrumpelt oder hat eben keine Meinung. Durch meine Positionierung gegenüber Themen fiel die nun beschriebene Codierung von Gesprächsinhalten leichter, da mir Codes bereits in anderen Kontexten begegneten oder ich diese bereits diskutiert beziehungsweise reflektiert hatte. Ich würde im Jungbusch nicht das erste Mal auf Rassismus und Gentrifizierung treffen, wenn sich diese beim Codieren abzeichneten und ich würde nicht das erste mal versuchen deren spezifische Dynamik mit anderen abzugleichen.

Codierungsarbeit

Das vorliegende Material wurde in verschiedenen Codierungsschritten bearbeitet. Diese stellen die analytischen Instrumente der Grounded Theorie dar: Mit Hilfe offener Codierung (Open Coding) wurden Gesprächsprotokolle nach wesentlichen Codes untersucht. Dabei bildeten sich Kategorien heraus, die ständig hinterfragt und weiterentwickelt wurden. Dieses „Aufbrechen der Daten durch ein analytisches Herauspräparieren einzelner Phänomene und ihrer Eigenschaften4 liefert einen guten Überblick über das vorhandene Material. Der Inhalt der Gespräche wurde in Abschnitte mit zusammenhängenden Aussagen unterteilt, die jeweils mit einer zutreffenden Überschrift gekennzeichnet wurden. Für eine Verbindung der Kategorien und zum Erkennen von Zusammenhängen diente das axiale Codieren. Hinzugezogen wurden hierbei Beobachtungen, die Interpretation von Bildmaterial und weitere vorhandene Materialien beispielsweise Texte von Homepages oder aus sozialen Netzwerken. In Bezug auf die Verwendung einzelner Teile der Interviews mit dem Ziel die Forschungsfrage zu beantworten, wurde hiermit sondiert, welche Teile der Interviews für die Beantwortung irrelevant sind, bzw. ob sich weitere Fragen ergeben, die dazu dienen können eine mögliche Antwort auf die Kernfragen zu erleichtern oder erste lose Hypothesen zu entwerfen.5

Kategorisiertes Material und Zeitungsartikel (auf drei Wäscheleinen)

Kategorisiertes Material und Zeitungsartikel (auf drei Wäscheleinen).

Innerhalb der entworfenen Überschriften kristallisierten sich mehrere unterschiedliche Ansatzpunkte und Perspektiven für eine weitergehende Analyse heraus: Parallelen zu Hamburg, Tabuisierung und Quartiersmanagement, Kultur und Popkultur, Stadtentwicklung und bauliche Veränderung, die Rolle von Gastronomie und Kneipen, konkrete Rassifizierung und Sicherheitpolitiken, Praxen der Deatraktivierung, ein Einblick in Gastarbeit und multinationale Konzerne auch in Bezug zur geschichtlichen Entwicklung und schließlich ein Fazit und eine Aussicht. Dabei wurden lose entwickelte Hypothesen innerhalb der Ansatzpunkte auf ihre Dimensionen hin beurteilt und durch selektives Codieren zu einem Theoriekonzept verfestigt. So wurden im Analyseteil auf ein „einziges zentrales Konzept“6 hin gearbeitet, woraus sich eine theoretische Beantwortung der gestellten Forschungsfragen ergab.

Kategorisierte Collagen mit Bildern aus dem Jungbush (6 m²)

Kategorisierte Collagen mit Bildern aus dem Jungbusch (6 m²).

Wir erinnern uns nun an Lefebvres Raumkonzepte und die losen Forschungsfragen, dann denken wir an gewonnene Eindrücke durch die unterschiedlichen Methoden und die Auswertungsmöglichkeiten durch Openstreetmap (und google Streetview) und betrachten nun etwas differenzierter:

Folgt die Multikulturalisierung, Befriedung und schließlich Homogenisierung eines Viertels rassistischen Stereotypen, die Verdrängungsmechanismen begünstigen?

Die Forschungsergebnisse zur Beantwortung dieser konkretisierten Frage betrachte ich als methodenspezifische Produkte des sozial produzierten Raums, die ich nun in der Nachbereitungsphase auf GENTRIFIJUNGBUSCH als Artikel multimedial aufarbeite.

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Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur [↩]):

  1. Strübing, Jörg (2008), S. 13 f. []
  2. Ebd., S. 15. []
  3. Ebd., S. 15. []
  4. Ebd., S. 20. []
  5. vgl. Ebd., S. 21. []
  6. Ebd., S. 21. []