Methoden der Empirisierung

Erkundungsphase

Nachdem alles vorbereitet und gepackt war, konnte es losgehen. Vorfreude und Spannung auf das Feld machten sich bemerkbar. Ich folge der Annahme, dass im symbolischen Interaktionismusteilnehmende Beobachtung, ergänzt durch qualitative Interviewformen und qualitative inhaltsanalytische Verfahren“ von wesentlicher Bedeutung für meine soziologische Forschung sind, „weil damit individuelle und gruppenspezifische Deutungs- und Handlungsmuster am adäquatesten zugänglich und analysierbar sind“1. Ergänzend habe ich mir überlegt in Zukunft qualitativ mit Kartographie zu arbeiten. Für diesen Beitrag zu den Themen Stadtentwicklung und Rassismus gilt also, dass ein Interesse besteht Erkenntnisse über soziale Interaktion zu gewinnen und dabei stets die soziale Interaktion selbst im Mittelpunkt steht. Die einzelnen Bestandteile der Erkundungsphase wurden nun übersichtlich präsentiert:

Ankunft

Vom Hauptbahnhof Mannheims (ein Fernbahnhof) ist der Stadtteil Jungbusch in nordwestlicher Richtung in 20 Minuten fußläufig zu erreichen. Zum Jungbusch führen viele verschiedene Wege durch die Quadrate, so werden die Straßen der Mannheimer Innenstadt genannt. Die Straßenzüge der Innenstadt erhalten ihren Namen durch die charakteristische quadratische Anordnung der Bebauung und werden von einem zum Hauptbahnhof südwestlich geöffneten Straßenring umschlossen:

 

Ich wurde von einer Schulfreundin am Mannheimer Hauptbahnhof abgeholt. Nach einer Essenspause in einem der unzähligen Bistros und Restaurants der Innenstadt gingen wir an einem Bastelladen vorbei in Richtung Jungbusch. Im Bastelladen besorgten wir mit ihrem „Studentenrabatt“ Farbstifte, Schnüre und Reißzwecke für circa 20 €. Sozialwissenschaftler*innen hätten in diesem Fall keinen Nachlass erhalten, auch wenn die Materialien durchaus sozialwissenschaftlich genutzt werden könnten. Ich wollte es auch nicht auf den alten Museumstrick mit dem „Bachelor of Arts“ Kunst-Studium ankommen lassen und freute mich lieber über die Tatsache, dass ich die passende Begleitung hatte. Trotzdem war es sicher nicht die günstigste Methode, ermöglichte jedoch eine bessere Unterscheidung der jeweiligen Farben, worauf gleich unter dem Titel Kartographie näher eingegangen wird.

Karten Marker - bunte Klebezettel, Schnüre und Reißzwecke (aus Mannheimer Bastellladen)

Karten Marker – bunte Klebezettel, Schnüre und Reißzwecke (aus Mannheimer Bastellladen).

Nachdem ich eine großes Stück Pappkarton aus dem Müll in der verlängerten Jungbuschstraße bei G 7 / H 7 containert hatte, liefen wir auf den Luisenring zu. Wir überquerten den Fußgehüberweg und folgten der Jungbuschstraße in die Hafenstraße, wo ich die nächste Woche schlafen sollte. Ich legte meinen Wanderrucksack und die gratis Pappe ab und freute mich auf eine spannende Woche.

Orientierung und Eingrenzung des Felds

Der zuvor überquerte Luisenring bildet eine bis zu sechsspurige bauliche Grenze zwischen den Quadraten der Innenstadt und dem Jungbusch selbst. Vom Südosten kommend fließt der Neckar zwischen dem Jungbusch und dem Stadteil Neckarstadt, der auf der anderen Seite des Neckar beginnt. Von Südwesten kommend mündet an der Nordspitze des Jungbusch ein Verbindungskanal des Rheins in den Neckar. Der Verbindungskanal trennt den Jungbusch vom Mühlauhafen, einem Teil des Hafen 1 Handelshafen. Die eigentliche Mündung des Neckar in den Rhein befindet sich etwa 1,3 km flussaufwärts. Der Jungbusch lässt sich also in etwa als auf den Quadratring aufgelegtes Dreieck beschreiben:

 

Der Jungbusch ist sowohl über Straßenübergänge mit Ampelschaltung (Jungbuschstraße, Seilerstraße, Holzstraße und Neckarvorlandstraße) als auch durch die Unterführung der Bahnstation Dahlbergstraße (Linie 2) von den Quadraten aus erreichbar. Im Südwesten führt der Luisenring an einem Verkehrsknotenpunkt weiter auf der Bundesstraße 44 über die Kurt-Schumacher-Brücke nach Ludwigshafen. Diese Brücke ist eine der beiden Rhein-Brücken zwischen Mannheim und Ludwigshafen. Südlich mündet der Verkehrsknotenpunkt in den Parkring, der zur zweiten Rheinbrücke (Konrad-Adenauer-Brücke) führt, die jedoch weit außerhalb des Jungbusch liegt. Unter dem ersten Verkehrsknotenpunkt liegen Parkplätze und eine Parkanlage über welche mensch in die Akademiestraße, die südlichste Straße des Jungbusch, gelangt. Ebenso befindet sich hier die Haltestelle Rheinstraße der Straßenbahnen 2 und 6. Westlich dazu beginnt die 1 km lange Hafenstraße, die durch den Westen des gesamten Jungbusch führt:

 

Auf halber Strecke der Hafenstraße führt die unter Denkmalschutz stehende Teufelsbrücke vom Jungbusch über den Verbindungskanal Richtung der Straße Linkes Ufer. Die Brücke ist nicht für Pkw befahrbar und stellt die Verbindung zur Bahnstation Mannheim-Handelshafen dar, wo einzig Regionalzüge verkehren. Am Ende der Hafenstraße, und somit der Nordspitze des Jungbusch, führt westlich über die Neckarvorlandstraße eine weitere Brücke über den Verbindungskanal. Östlich überspannt die Jungbuschbrücke den Neckar und verbindet den Jungbusch mit der Neckarvorstadt. Die Kurpfalzbrücke nahe der südöstlichen Spitze des Jungbusch (hinter dem MVV Hochhaus) stellt eine Möglichkeit dar den Neckar von den Quadraten aus zu überqueren.

Annäherung an Konzepte des Raums

Warum diese ausführliche Beschreibung der baulichen Zugänge und Stadtteilgrenzen – die Überschrift verrät es bereits: Es gibt verschiedene Konzepte des Raums. Meine gewählte Perspektive möchte ich nun vorstellen.

Bei jeder Ankunft an einem Ort, orientiert mensch sich im Raum. Ich wähle dabei unterschiedliche Perspektiven auf diesen Raum. Eine Perspektive ist dabei meine direkte Wahrnehmung, die ich beschreibe und durch Fotos veranschauliche. Eine weitere Sicht ermöglicht eine kartographische Herangehensweise, die von oben auf den Stadtteil blickt und auch bauliche Merkmale beinhaltet. Eine dritte Perspektive auf den Raum stellt meine Analyse dar, die ich durch Beobachtungen und Gespräche gewinne. Aus einer Kombination dieser Sichtweisen, die sich nicht voneinander lösen lassen und vorhandenen Theorien zu Stadtentwicklung und Rassismus ist dieser Webblog zusammengesetzt.

Alle diese Perspektiven sind sozial konstruiert. Meine Wahrnehmung ist beeinflusst durch meine Sozialisation, sozusagen meine zeitliche Verortung im Raum. Dazu ein Beispiel: Wenn ich als Kind jahrelang Kampfsport mit verbundenen Augen gemacht habe, fühle ich mich wahrscheinlich nachts in dunklen Ecken sicherer, als wenn ich stattdessen jede Woche Aktenzeichen XY … ungelöst gesehen und mich gegruselt habe. Kanäle sind gegraben, Brücken wurden geschlagen und Straßen betoniert, weil sich das einmal Menschen so überlegt haben. So verhält es sich mit aller Materie, die der Mensch im Raum zu einer bestimmten Zeit bewegt hat. Neue Merkmale entstehen, alte können erneuert, versetzt oder abgerissen werden. Die dritte Perspektive erforscht die Wahrnehmung der anderen, die durch deren Sozialisation beeinflusst wird. Um ein weiteres nahezu willkürliches Beispiel zu geben: Eine Architektin aus Sofia hat dabei wahrscheinlich eine andere Perspektive auf den Raum als ein weißer Putzmann, der in Blankenese lebt. Ich werde mich auf GENTRIFIJUNGBUSCH mit Henri Lefebvres Theorie der Produktion des Raumes2 auseinandersetzten, um diesen Punkt weiter auszuführen und versuchen Rassismus als soziale Reproduktion des Körpers im Raum zu verstehen:

„Lefebvres Ausgangspunkt ist eine Theorie der gesellschaftlichen Produktion von Raum, welche den Raum, analysiert in seiner Produziertheit, zum Ausgangspunkt für die Rekonstruktion des herrschenden gesellschaftlichen Produktionsmodus macht und die implizierten gesellschaftlichen Widersprüche und sozialen Spannungen hervorhebt.“3


Daraus ergeben sich für mich folgende lose Forschungsfragen:

  • Kann im Jungbusch Gentrifizierung verortet werden?
  • Können im Jungbusch Formen von Rassismus lokalisiert werden?
  • Gibt es Anknüpfungspunkte zwischen urbanen Aufwertungsdynamiken und Beispielen für Rassifizierung?

 

Kartographie

Vielversprechend für eine ergänzende kartographische Methode zur Beantwortung dieser Fragen war die Entdeckung des Werks „Methodische Perspektiven auf Theorien des sozialen Raumes“ von Hans-Jürgen Macher. Das Buch gehört zur „Studienreihe des Masterstudiengangs Gemeinwesenentwicklung, Quartiermanagement und Lokale Ökonomie an der Hochschule München“ und wirbt mit Henri Lefebvre, Pierre Bourdieu und David Harvey auf dem Cover, was mein Interesse weckte:4

„Wenn Lefebvres Raumtheorie als kritisches Instrument zur gesellschaftlichen Veränderung verstanden wird, bekommt auch die Methodenfrage eine besondere Bedeutung. Methoden dienen hier nicht, wie im kritischen Rationalismus, als einer modernen Variante des Positivismus, der Falsifizierung von Theorien, sondern sind ebenfalls als Instrumente zur gesellschaftlichen Veränderung zu verstehen. Sie dienen der Operationalisierung von Theorien und erfahren in der Theorie ihre Legitimität.“5

Nun habe ich mir überlegt, wie ich in möglichst kurzer Zeit (einer Woche Feldforschung) die gesellschaftliche Produktion des Raumes im Jungbusch nachvollziehen kann. Dafür erinnerte ich mich an die theoretischen Merkmale von Gentrifizierung und Rassismus und vereinfachte diese insoweit, dass ich im Rahmen qualitativer Interviews mit Kartenmaterial arbeiten konnte. Dazu entwarf ich eine kleine Handkarte des Jungbusch (Download der Druckdatei – Quelle: openstreetmap.de) und vervielfältigte diese. Mit den gekauften Stiften wies ich den fünf von mir vereinfachten Kategorien jeweils eine Farbe zu:

blau: Kreativ, Kultur, Kunst;
orange: Risiko, Gefahr, Verbrechen;
gelb: Aufwertung, Neubau, Baustelle;
grün: Zu Hause, Geborgenheit, Wohlfühlen;
pink: Fremd, Ungewohnt, Anders.

Ich ergänzte neben der Abbildung einen kurzen Arbeitsauftrag:
Auf der linken Seite finden sie eine Karte des Stadtteils. Bitte kennzeichnen sie nun jeweils die Orte, an die sie bei der Kategorie denken müssen. Dabei ist es möglich mehrere Orte einer Kategorie zuzuweisen.

Kleine Hand­kar­ten des Stadt­teils und Farb­stifte (DIN A4)

Kleine Hand­kar­ten des Stadt­teils und Farb­stifte (DIN A4 – openstreetmap.de).

Ich versuchte jeweils gegen Ende eines qualitativen Interviews oder nach einer Beobachtung eine solche Karte ausfüllen zu lassen. Dabei achtete ich darauf, dass die Interviewten dies selbstständig und ohne Dritte unternahmen. Ich ergänzte zu den Anweisungen, dass nicht von jeder Farbe Gebrauch gemacht werden müsse und das Punkte, Kreise Flächen oder auch Striche gekennzeichnet werden könnten. Die meisten Leute machten sich gerne daran die vorbereiteten Karten zu bemalen und reproduzierten somit die vorgeschlagenen Kategorien im Raum. Währenddessen fielen ihnen immer wieder neue Dinge ein, die ich mir im Interviewverlauf noch nicht notieren konnte. Die Karten stellten sich schnell als praktikable Methode zur Hervorlockung mir nicht bekannter Informationen heraus.

Im Anschluss bat ich um freiwillige Angaben auf der Rückseite der jeweiligen Karte:
Ungefähres Alter; Wohnt im Jungbusch; Arbeitet im Jungbusch; Monetäre Mittel nach Selbsteinschätzung; Selbstbezeichnung.

Mit dieser Abfrage wollte ich sicherstellen, ob sich Abweichungen in der Markierung an bestimmten Faktoren ausmachen lassen können. Dies sollte jedoch nicht dazu dienen, die Befragten nachträglich in verschiedene Gruppen einzuteilen, sondern meine Nachfragemöglichkeiten während Interviews zu differenzieren. Ich stellte ohnehin bei sehr vielen der Karten maßgebliche Schnittpunkte und wiederkehrende Muster fest – sodass eine genaue Auswertung dieser Angaben entfiel.

Die kleinen Handkarten dienten dazu noch während der Erkundungsphase einen guten Überblick und ersten Gesamteindruck zu gewinnen. So übertrug ich jeden Abend die Markierungen mit Hilfe von entsprechend farbigen Reißzwecken und Schnüren, die ich wie beschrieben passend zu den Stiften gekauft hatte auf eine große Übersichtskarte. Diese hatte ich zuvor hochauflösend auf 25 DIN A4 Seiten vorbereitet, konnte sie dadurch kostengünstig ausdrucken (Download der Druckdatei – Quelle: openstreetmap.de) und klebte sie im Jungbusch angekommen auf die containerte und inzwischen zugeschnittene Pappe. Diese Lösung war kostengünstig, leicht und genügte meinen Ansprüchen. Die Stecker waren beliebig versetz- und vernetzbar und hielten der Spannung der Schnüre stand. Nach mehreren eingepflegten Handkarten ergab sich auf der großen Karte bereits ein interessantes Muster, das ich mir vor Ort genauer betrachten konnte. Ich führte dadurch gezielte Erkundungen und Beobachtungen durch und konnte zusätzliche qualitative Interviews führen. Außerdem lassen sich mit umap später alle eingezeichneten Kategorien in Ebenen darstellen, womit sich einzelne Argumentationen durch das kartographische Material unterstützen lassen.

Große Über­sichts­karte  ergänzt durch bunte Kle­be­zet­tel, Schnüre und Reißzwecke (85*82 cm)

Große Über­sichts­karte ergänzt durch bunte Kle­be­zet­tel, Schnüre und Reißzwecke (85*82 cm).

Freie Erkundung

Am zweiten Tag begann ich morgens mit dem, was ich freie Erkundung des Stadtteils nennen möchte (Die Verlinkungen zu google Streetview sollen lediglich einen ungefähren Eindruck vermitteln. Das Bildmaterial müsste etwa 2008/09 aufgenommen worden sein, also 6 Jahre vor meiner Begehung): Ich ging einzig und allein mit dem Ziel los möglichst viele Orte zu sehen und erste Eindrücke zu sammeln. Dazu startete ich am Westende der Jungbuschstraße beim „Quartiersplatz“ und arbeitete mich Haus für Haus voran. Ich machte viele Fotos, um mir abends alles noch einmal in Ruhe anschauen zu können. Ich legte ein besonderes Augenmerk auf Gewerbe- und Vereins- beziehungsweise Gemeinschaftsräume sowie öffentliche Einrichtungen. Diese wollte ich im Verlauf der Woche erneut besuchen, um Gespräche mit den Angestellten oder Nutzenden zu führen. Auf halber Strecke der Jungbuschstraße warf ich einen Blick nach links in die Beilstraße und hatte das Gefühl, dass diese ein besonderer Ort sein könnte. Diesen und ähnliche besondere Orte notierte ich mir in meinem Notizbuch, markierte sie abends auf meiner großen Übersichtskarte mit einer eigenen Farbkategorie. Diese erinnerte mich daran in den nächsten Tagen diese Orte (eventuell zu anderen Zeiten) erneut aufzusuchen.

Am Ende der Jungbuschstraße angekommen, erblickte ich auf der linken Seite einen Kirchturm und auf der gegenüberliegenden Seite eine Moschee. Ich ging in diese Richtung weiter nach Osten durch eine gefühlt ruhigere Wohngegend über die Schanzenstraße vorbei an ersten Industriegebäuden in der Holzstraße. Der Osten des Jungbusch ist geprägt vom MVV (ein Energiekonzern) sowie Adm Schokinag (einer Schokoladenfabrik). Ich erreichte das Neckarufer und ging über die Nackarvorlandstraße in Richtung Penny und T€Di, die einzigen Gewerbe, die ich bei der Erkundung bis dahin Supermarktketten zuordnen konnte. Nördlich der Jungbuschschule bewegte ich mich in Richtung Verbindungskanal auf das Studierendenwohnheim zu. Bei einem Blick in Richtung des südlichen Verlaufs der Hafenstraße konnte ich die Popakademie sehen, von der ich schon einmal gehört hatte. Am Nordende der Hafenstraße entdeckte ich einen weiteren Gebäudeklotz, der von außen als Musikpark Mannheim identifizierbar war. Über die Neckarvorlandbrücke gelangte ich auf das linke Ufer des Verbindungskanals, um mir einen Überblick über das gegenüberliegende Rheinufer des Jungbusch zu verschaffen. Ich folgte dem Uferverlauf und machte eine Panoramaaufnahme mit dem Smartphone, da mich die Kombination aus Kreativwirtschaft, Ansiedlung von Studierenden und Baustellen sofort an Gentrifizierungstheorien erinnerte:

Panoramaaufnahme des Rheinufers im Jungbusch (Verbindungskanal linkes Ufer)

Panoramaaufnahme des Rheinufers im Jungbusch (Verbindungskanal – Linkes Ufer).

Über die Teufelsbrücke machte ich mich zurück auf den Weg zum Ausgangsort meiner freien Erkundung. Ich hatte den Eindruck mir einen guten Überblick über den Stadtteil verschafft zu haben und setzte mich ans Ufer, um mir eilig einige Notizen zu machen. Dabei erblickte ich eine Personengruppe, an der ich meine Ideen zur kartographischen Methode in Kombination mit einem qualitativen Interview erproben wollte und beendete die Erkundung. An späterer Stelle folgt ein ausführliches Protokoll der Erkundung des Verbindungskanals.

Teilnehmende Erkundung

Mit der Teilnehmenden Erkundung meine ich, dass mich anwohnende oder im Jungbusch arbeitende Personen durch den Stadtteil führen oder ich diese im Bewusstsein meiner Anwesenheit in ihrem Alltag begleiten konnte. Das heißt, die Personen wissen, dass ich mich im Feld bewege, um dieses zu erforschen. Ein Beispiel wäre, wenn mir eine Person zeigt, wo sie im Jungbusch wohnt und welche Orte sie gerne besucht und wo sich in den letzten Jahren etwas verändert hat. Es kann auch bedeuten, dass ich eine Gruppe von Menschen abends begleite und mir Bars und Kneipen zeigen lasse.

Dabei ging es mir als forschender Person darum die Intentionen hinter dem Handeln der Menschen im Feld zu ergründen. Gleichzeitig erfuhr ich zusätzliche Informationen über das untersuchte Feld und verschaffte mir Insider*innenwissen. So gelangte ich an informelle Auskünfte, die mir zuvor unerschlossene Deutungszusammenhänge offenbarten. Zusätzlich begegnete ich weiteren Personen, die in unterschiedlichen Beziehungen zu den begleiteten Personen standen. Diese Begegnungen ermöglichten mir spezifische Wissensbestände zu prüfen und Diskussionen zwischen Akteur*innen im Feld zu beobachten und auch hervorzurufen. Dabei hörte ich aufmerksam zu und machte mir im Anschluss oder noch unterwegs unauffällig mit dem Smartphone Notizen.

Teilnehmende Beobachtung

Hierbei wählte ich im Feld einen kleinen Teilbereich aus, den ich genauer beobachten wollte. Besondere Orte, die mir selbst aufgefallen sind oder auf die ich in Gesprächen aufmerksam gemacht wurden, besuchte ich für einen längeren Zeitraum oder zu einer bestimmten Zeit, um das Zusammenwirken der räumlichen Anordnung in Interaktion mit dem sozialen Zusammenleben zu analysieren. Dafür machte ich mir Notizen zum Raum, den Personen im Raum und Situation und Handlungen. Zur selben Zeit hielt ich den Ort und seine Bestandteile auf Fotos fest und machte mir Notizen auf einer kleinen Handkarte. Ich kaufte mir Kaffee oder ein Getränke im Kiosk, las ein Buch oder aß etwas. Dabei blieb ich jedoch konzentriert auf das Geschehen um mich herum und wartete darauf, dass etwas passiert. So konnte ich Neues beobachten und Bestätigungen für Erzählungen ausmachen sowie, falls ich angesprochen wurde, in Gesprächen gezielt nachfragen.

Ich wurde im Feld wahlweise als Tourist, Stadtplaner, Architekt, Fotograf oder Journalist wahrgenommen, so dass Menschen stets auf mich zu kamen und das Gespräch suchten. Ich beendete in diesem Fall die teilnehmende Beobachtung und begab mich in qualitative Interviewsituationen (gestützt durch jeweils eine kleine Handkarte). Es kam jedoch auch vor, dass Leute von mir dachten, ich sei Zivilpolizist. Nachdem ich erklärte, dass ich dies auf keinen Fall sei und was ich im Jungbusch tue, berichteten mir einige vom Vorgehen der Polizei vor Ort, zum Beispiel von Situationen, die mich an Racial Profiling erinnerten. Dies konnte ich dazu nutzen gezielt Polizeipräsenz zu beobachten. Ausgerechnet als ich ein „FCK NZS“ Shirt trug, meinte eine Person ihr rassistisches Wissen mit mir teilen zu müssen. Ich hörte zu und beobachtete die Person zufällig an einem anderen Tag, als sie eine Bar betrat. Von dieser Bar hatte ich bereits zuvor nichts gutes gehört, was mich veranlasste Alternativen zu untersuchen und diesen einen eigenen Artikel auf GENTRIFIJUNGBUSCH zu widmen.

Qualitative Interviews

Ich führte narrative Interviews, weil ich „auf die Hervorlockung und Aufrechterhaltung von längeren Erzählungen oder allgemeiner formuliert zu autonom gestalteten Präsentation einer bestimmten Thematik“ aus war. Diese Methodik schafft zudem die Grundlage für einen „möglichen Nachvollzug von Handlungsabläufen“ aus der Perspektive der Personen im Feld.6 Dabei begann ich stets mit den Worten, dass ich mir den Jungbusch anschaue, weil mich interessiert was im Stadtteil passiert. Ich fragte dann weiter, was gerade im Stadtteil los sei, was Interviewte persönlich denken würden und wie sie den Stadtteil wahrnehmen würden. Durch gezieltes Nachfragen wurden spezifische Antworten gegeben, die einer genaueren Ausführung einzelner Bestandteile entsprachen. Zusammenfassend sollten auf diese Art und Weise authentische Antworten auf die Forschungsfragen gefunden werden, um sie durch diese Dokumentation anderen zugänglich zu machen.

Ich habe für GENTRIFIJUNGBUSCH auf sogenannte Expert*inneninterviews verzichtet. Dafür habe ich viele kürzere Gespräche geführt, von deren kompletten Aufzeichnung ich jedoch abgesehen habe. Die Gefahr, das Menschen (gerade wenn es um Rassismus geht) abspringen und nicht aufgenommen werden wollen, erschien mir zu hoch. Soziale Unerwünschtheit ist auch bei qualitativer Befragung nicht zu unterschätzen. Aufgrund meines theoretischen Vorwissens und praktischer Erfahrung baute ich darauf bereits im Gespräch wiederkehrende Muster zu erkennen. Ich notierte mir stets wichtig erscheinende Aussagen und werde einzelne Kernaussagen daraus in den einzelnen Artikeln zu einem Ausgangspunkt der Theoriebildung machen.

Qualitative inhaltsanalytische Verfahren

Ebenso wichtig und noch zur Erkundungsphase zu zählen ist die Betrachtung von gefunden Materialien (Flyern, Plakaten, Zeitungen, …). Darüber hinaus besuchte ich stets auch die Homepage oder das jeweilige Profil in sozialen Netzwerken, wenn ich mir einen Ort genauer ansehen wollte. Ich verwendete sowohl einfache Suchmaschinen als auch nachrichtenspezifische Suchverfahren. Ich recherchierte beispielsweise auf youtube „Jungbusch“ oder „68159“ und konnte so zusätzliches Material für die spätere Analyse finden. Soetwas wie Lefebvre 2.0 zu denken bedeutet auch die vermeintlich virtuelle Produktion des Sozialen Raums zu erfassen und diese in die Erklärungsversuche für Gentrifizierung und Rassismus mit einfließen zu lassen. Das Internet bietet sozusagen weitere individualistische (beispielsweise einen persönlichen Blog über den Stadtteil) jedoch auch kollektivistische Perspektiven auf den Jungbusch (beispielsweise eine Facebookdiskussion, die versucht Einigkeit unter den Diskutierenden herzustellen). Die darauf anzuwendenden qualitativen inhaltsanalystischen Verfahren können für sich zwar keine Erklärungen für soziale Phänomene liefern, aber dazu beitragen das Verständnis sozialer Prozesse zu erleichtern.

Abreise

Nach einer Woche Feldforschung hatte ich reichlich Material gesammelt und freute mich bereits auf die Auswertung. Es ist wichtig das gesammelte Material und die Ausrüstung vollständig und sicher gepackt zu haben, um mühevoll zusammengetragene Beobachtungen und Protokolle während der Überführung zu schützen. Spätestens an dieser Stelle bietet es sich an digitales Material auf einem weiteren Speichermedium oder auf Servern zu speichern. Wer die Daten dabei sicher schützen will, sollte auch in diesem Fall auf Verschlüsslungsmethoden zurückgreifen.

Für den Einsatz vor Ort eignete sich die Zwischenlösung mit der Pappe als Rückwand für die große Karte. Nach der Woche befestigte ich Karte und Pappe allerdings auf einer dünnen Pressholzrückwand und verdeckte die Vorderseite für den Transport nach Hamburg mit Packpapier. Zuvor machte ich Bilder der Nadeln und Schnüre, um eventuell die Positionierung rekonstruieren zu können. Für einen bequemen Transport und die Möglichkeit weitere Lektüre zu bearbeiten, kaufte ich mir für 26,- € ein ICE Ticket aus dem Restplatzangebot der Bahn. Diese kostengünstige Art zu reisen eignet sich sehr gut für (Forschungs)reisen, bei denen das Ausmaß des Gepäcks die Mitnahme per Autostopp unwahrscheinlich macht.

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Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur [↩]):

  1. Reiger, Horst (2007), S. 153. []
  2. Vgl. Lefebvre, Henri (1975), S. 34 f. []
  3. Macher, Hans-Jürgen (2007), S. 15. []
  4. Ebd. []
  5. Ebd., S. 14. []
  6. Rosenthal, Gabriele (2005), S. 137 []