Methoden der Empirisierung

Vorbereitungsphase

Die Vorbereitungsphase für GENTRIFIJUNGBUSCH umfasst streng genommen auch die eigene Situierung und gesammelte Erfahrungen sowie Vorlektüre. Die Beobachtung urbaner Transformation kann nur erfolgen, wenn mensch sich mit historischen Zusammenhängen auseinander setzt, das hier und jetzt gründlich erforscht und hinterfragt und darüber hinaus zukunftsweisend denkt. Auch für die Beobachtung und das Erkennen von Rassismus beziehungsweise rassistischen Stereotypen innerhalb unterschiedlicher Strukturen bedarf es eines bestimmten Vorwissens und der Reflexion der eigenen Position in der Gesellschaft. Zu beidem gehört auch ein ständiges Informieren über Stadtentwicklung(spolitik) und antirassistische Arbeit, die eigene politische Auseinandersetzung mit beiden Themen, die Offenheit gegenüber bisher Unbekanntem, die passende Methodenwahl und eine dafür geeignete Ausrüstung sowie das Einbinden des eigenen sozialen Umfeldes. Was dies im einzelnen bedeutet, möchte ich nun erläutern:

Ständiges Informieren [↩]

Das ständige Informieren hilft den Forschenden leichtere Zugänge zum Feld zu finden, auf dem aktuellen Stand der Auseinandersetzung zu bleiben und sich Verbindungen und Zusammenhänge zu erschließen. Beispielhaft für dieses Projekt wurde eine Sammlung (Ständiges Informieren [↩]) erstellt, die Gruppen aus dem Recht auf Stadt Spektrum und antirassistisch arbeitende Zusammenschlüsse abbildet sowie andere Orte und Weisen der Informationsgewinnung knapp erläutert. Ständiges Informieren [↩] bedeutet im Umkehrschluss selbst anderen Informationen bereitzustellen, wozu auch ich durch die Veröffentlichung dieser Forschungsarbeit beitragen möchte.

Eigene politische Auseinandersetzung [↩]

Die eigene Auseinandersetzung mit und politisches Engagement in den untersuchten Themenbereichen fand bereits im Vorfeld statt und wird in der Rubrik Autor [↩] näher erläutert.

Offenheit

Eine gewisse Offenheit gegenüber bisher Unbekanntem ist ein wichtiger Punkt sowohl für die Vorbereitungs- als auch für die Erkundungsphase. Es ist notwendig auf bisherige Wissensbestände zurückgreifen zu können, jedoch sind auch diese niemals frei von Stereotypen. Gerade bei Themen und Zugängen, die den Forschenden selbst fremd erscheinen, ist Vorsicht geboten und ein behutsames Handeln erforderlich. Unbekanntem sollte dabei offen und verständnisvoll begegnet werden. Eigene Unsicherheit und Angst sind meist Anzeichen von persönlicher Überforderung im Umgang mit Stresssituationen oder Handlungsdruck im Feld – ein geplantes und vorsichtiges Herangehen ist im Gegenzug hilfreich. Offenheit hilft dabei neue Informationen zu erschließen und das Feld zu spezifizieren. Bei bekannten Mustern, beispielsweise rassistischen Äußerungen oder kapitalistischer Verwertungslogik in Bezug auf (Wohn)raum, ist Rückhaltung geboten, wenn es darum geht diese im Feld zu erforschen. Auf entsprechende Personen sollte ebenfalls offen zugegangen werden. Für diesen Fall sollten jedoch bereits in der Vorbereitungsphase zur Absicherung neutrale Orte für Gespräche gesucht als auch Aus- und Fluchtwege für Gefahrensituationen überlegt werden.

Passende Methodenwahl

Die richtigen Methoden zu finden ist abhängig von den verschiedenen Möglichkeiten, die den Forschenden zur Verfügung stehen und den Grenzen, die das zu erforschende Feld vorgibt. Die Soziologie greift für gewöhnlich auf quantitative und qualitative Methoden der Sozialforschung zurück. Das Standartwerk „Empirische Sozialforschung – Grundlagen, Methoden, Anwendungen“ von Andreas Diekmann zählt beinahe 800 Seiten und führt zum Großteil durch die quantitativen Methoden (Fragebögen, Telefoninterviews, Internetumfragen, …).1

Diese habe ich selbst im Studium erlernt und erprobt und im Nachhinein meist misstrauisch beäugt. Nicht nur, dass Statistik (lat. statisticum) namentlich eine valide Datenlage für Staaten oder die Grundlage für Werbe- und Verkaufsstrategien für Unternehmen liefert, sie ist den selben meist wohlgesonnen, da diese in der Regel als Auftrags- oder Drittmittelgeberin auftreten. Quantitative Methoden beschäftigen sich oft nur mit der wahrnehmbaren Mehrheit und fragen mehrheitsgesellschaftliche Kategorien wie (die Variablen) Geschlecht oder Staatsangehörigkeit meist unreflektiert ab. Selbst meine geringe Erfahrung hat mir bestätigt, dass kritische Stimmen gerne als fehlerhafte Datenlage aussortiert oder Menschen, die derartige Erhebungsverfahren ablehnen, erst gar nicht gehört werden. Menschen ohne Wohnsitz, Telefon, Sprach- oder Lesekenntnis sind sowieso meist nicht durch quantitative Methoden erfassbar. Eine Person, die sich beispielsweise keinen Telefon- beziehungsweise Internetanschluss leisten kann oder will, wird schwerlich darüber am Telefon oder Computer Aussagen machen, dass ihre monetären Möglichkeiten unzureichend sind. Quantitative Methoden sind häufig methodenblind für Marginalisierte – leider kann ich ausgerechnet dies hier nicht mit einer Statistik belegen. Für das Forschungsfeld Stadtentwicklung folgert Andrej Holm in Wir Bleiben Alle! daher:

„Typisch für den Verharmlosungsdiskurs sind all jene Forschungsarbeiten, die im Zusammenhang städtischer Aufwertungsprozesse den Umstand der Verdrängung leugnen – meist, weil er empirisch so schwer verifizierbar sei. Aufgegriffen wird dabei die tatsächlich vorhandene Schwierigkeit, Verdrängungsprozesse zu messen. Insbesondere individualistische Interpretationen städtischer Verdrängung verbinden Verdrängung mit der Freiwilligkeit von Umzügen. Und eben diese subjektive Einschätzung ist auch in aufwendigen soziologischen Studien nur schwer zu erfassen. In einem Wissenschaftsumfeld, das sich zunehmend an der Scheinobjektivität von Datensätzen und Kennziffern orientiert, ist es so ein Leichtes, Verdrängungsbefunde abzustreiten.“2

Weder dem untersuchten Feld noch den Ansprüchen dieser Arbeit könnten daher quantitative Erhebungsverfahren gerecht werden. Über den Jungbusch wurde bspw. 2005 nach einer Bewohner*innenbefragung ein Forschungsbericht erstellt. Während der fragebogengestützten Interviews sollten die befragen Personen beispielsweise angeben, wie sie auf einer Skala von 1 – 6 das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern einschätzen.3 Die aus dem Ergebnis einer solchen Befragung abgeleitete Interpretation halte ich für ungeeignet, um Rassismus zu untersuchen. Im Gegenteil trägt eine solche Forschung gerade dazu bei, dass Menschen in Gruppen sortiert werden, in diesem Fall in „Deutsche“, „Migranten“ und eine „Gemischte Gruppe“.4

Die Forschungsarbeit zu GENTRIFIJUNGBUSCH soll sich mit dem Verlauf der urbanen Transformation und den ökonomischen Intentionen dahinter beschäftigen und Rassifizierung entlarven. Es geht (wie oben bereits erwähnt) darum „neues in der untersuchten Situation zu entdecken“5, um auf dieser Basis Gentrifizierung und Rassismus zu untersuchen. Gerade durch qualitative Methoden ergeben sich an dieser Stelle empirische Daten, die „eine Diagnose sozialer Prozesse ermöglichen, die das Individuum strukturell freisetzen“6. Anselm Strauss und Juliet Corbin schreiben dazu, dass „qualitative Methoden […] verstehen helfen, was hinter wenig bekannten Phänomenen liegt“ und dabei fördern „überraschende und neuartige Erkenntnisse über Dinge zu erlangen, über die schon eine Menge Wissen besteht“7. Die ausgewählten qualitativen Methoden der Sozialforschung für GENTRIFIJUNGBUSCH werden weiter unten bei der Beschreibung der Erkundungsphase vorgestellt.

Geeignete Ausrüstung [↩]

Die passende Ausrüstung hängt von den jeweiligen Vorlieben der Forschenden ab. Zu meiner Forschungsausrüstung gehörten verschiedene Dinge die ich auf einer weiteren Seite (Geeignete Ausrüstung [↩]) gesammelt habe. Meine geeignete Ausrüstung [↩] beinhaltete viele verschiedene Mittel um Beobachtungen zu fixieren. Durch die Kombination dieser Beobachtungsmedien erwartete ich ein differenzierteres Abbild des Feldes.

Wie bereits erwähnt, plädiere ich für die Nutzung neuer technischer Möglichkeiten bei gleichzeitigem Risikobewusstsein. Das bedeutet: Mit der Digitalkamera Fotos zu machen hilft sich an Orte und Gegebenheiten zu erinnern, sich während der Auswertungsphase Zusammenhänge zu erschließen und veranschaulicht für die Rezipierenden das untersuchte Feld. Datenschutz und Persönlichkeitsrechte dürfen dabei jedoch nicht in Vergessenheit geraten. Aufnahmen von Praktiken, die der fotografierten Personen Schwierigkeiten bereiten könnten, sind zu unterlassen. Allein der Verdacht reicht aus eine Aufnahme nicht anzufertigen, um das beobachtete Feld gegebenen Falls vor Repression zu schützen. Porträtaufnahmen beispielsweise sind für dieses Projekt nicht nützlich und so wurde auf diese verzichtet. Ungefähre Orts- und Zeitangaben reichen aus, um einen stimmigen Gesamteindruck zu vermitteln. Ton- und Videoaufnahmen sind ebenfalls riskant. Auf diese sollte, wenn nicht unbedingt erforderlich, verzichtet werden. Ausnahmen können hierbei Interviews sein, die zu einem späteren Zeitpunkt transkribiert werden müssen. Hierbei müssen Interviewte vor Aufzeichnungsbeginn über Speicherung und Verwertung der Daten sowie Risiken aufgeklärt werden.

Smartphones, Tablets, Digitalkameras und Laptops können also im Bewusstsein der Gefahren sehr hilfreiche Instrumente im Feld sein. Mit ihren Möglichkeiten zur Sichtung von Kartenmaterial, dem Festhalten von Erlebtem und der einfachen Möglichkeit der Übersetzung in nahezu jede Sprache, lassen sich alte Probleme und Barrieren in der qualitativen Sozialforschung lösen oder beseitigen und neue Arbeitsweisen erschließen. Die Wissenschaffenden nutzen diese Möglichkeiten jedoch meiner Meinung nach unzureichend aus, obwohl die Ergebnisse nach der Aneignung zumeist vielversprechend erscheinen.

Einbinden des eigenen sozialen Umfeldes

Hierbei ist die Unterstützung durch das eigene soziale Umfeld gemeint, wenn es um Feldforschung außerhalb des eigenen Wohnsitzes geht. Ich hatte die Möglichkeit direkt vor Ort im Jungbusch zu übernachten. Das bedeutet ich war mit kurzen Ausnahmen eine ganze Woche im Feld unterwegs. Ich konnte die sozialen Kontakte meiner Bekannten nutzen, um an weitere und neue Gesprächspartner*innen zu gelangen und wurde durchgehend für die kommende Erkundung und spätere Auswertung inspiriert. Der Zugang zum Feld erfolgte auf diese Art und Weise gleichermaßen über eigene freie Erkundung als auch über teilnehmende Erkundung. Dementsprechend konnte ich mich während der Vorbereitungsphase darauf verlassen, dass zumindest ein Zugang zum Feld gewährt ist. Weitere Zugänge sicherte ich bereits vorab durch Schlagwortsuchen bei Suchmaschinen ab und konnte mich dadurch mit mir unbekannten Personen aus dem Stadtteil verabreden.

Darüber hinaus habe ich mein soziales Umfeld in der näheren Umgebung des Jungbusch genutzt. So besuchte ich bevor ich nach Mannheim fuhr zur Vorbereitung des Webblogs und für Beratungen über verwendbares Kartenmaterial einen befreundeten Informatik Studierenden in Karlsruhe. Die erste Sichtung und Sortierung der losen Notizen und Eindrücke erfolgte zeitnah, nachdem ich das Feld verlassen hatte, bei meinen Großeltern nahe Ludwigshafen und auf der Rückfahrt von Mannheim nach Hamburg. Außerdem können Vorüberlegungen zu Methoden mit anderen diskutiert werden, wenn es einen gewissen Zeitraum zur Vorbereitung gibt. Es ist aber auch notwendig Absprachen über den Aufenthalt zu treffen und Termine festzulegen. Für die Einbindung des eigenen sozialen Umfeldes ist daher in der Vorbereitungsphase die Erstellung eines ungefähren Forschungszeitplans hilfreich.

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Um zu der jeweiligen Phase zu gelangen können unten der Reihe nach die Seiten ausgewählt werden oder eine beliebige Phase angeklickt werden:

Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur [↩]):

 

  1. Vgl. Diekmann, Andreas (2010). []
  2. Holm, Andrej (2013), S. 54. []
  3. Mohnsen, Sigrid (2005): S. 20ff. []
  4. Ebd., S. 26 []
  5. Flick, Uwe (2009), S. 25. []
  6. Lindner, Rolf (2004), S. 124. []
  7. Corbin, Juliet / Strauss, Anselm (1996), S. 5. []