Gentrifizierung: Der Kiez als Arena

Wer sich in den letzten Jahren mit Urbanität und Stadtentwicklung beschäftigt hat, wird über dieses Wort schon einmal gestolpert sein: Gentrification. Übersetzt mit Gentrifizierung steht es für einen Prozess, der Aufwertung und Verdrängung in Stadtvierteln beschreibt. „County Gentry“ wurde einst der englische Landadel genannt, der mit der Industrialisierung in urbanen Grundbesitz investierte und auf diese Art und Weise „den sozialen und politischen Führungsanspruch“ gegenüber dem städtischen Proletariat manifestierte.1 Gentrifizierung ließe sich auch als Verneureicherung, Eigenheimisierung oder eine moderne Art der Kolonisation des Städtischen, im Sinne einer Nutzbarmachung, verstehen. Nützlich ist der Prozess für jene, die beabsichtigen das Urbane zu verwerten. Wohnraum, Produktionsstädten und deren Mietende werden als Variablen in eine Rechnung aufgenommen, deren Renditen vielversprechend erscheinen.

Emporisierung und Marginalisierung

Zurück zum Ursprung des Wortes Gentry, also den Neureichen, die Parvenu oder den Arrivierten, könnten diese auch Emporkommende genannt werden. Die bisherigen Mitwirkenden am urbanen Treiben halten entweder Schritt mit den (meist zugezogenen) Aufsteiger*innen bzw. der Preissteigerung im Wohnviertel oder werden abgehängt. Als Marginalisierte werden sie an den Rand der Gesellschaft, räumlich in die Grenzgebiete und Außenbezirke der Stadt gedrängt. So gesehen lässt sich Gentrifizierung als Emporisierung und im Gegenzug als Marginalisierung begreifen.

Dieser Prozess vollzieht sich dabei auf mehreren Ebenen. So besteht zumeist ein Bild, ein Vorurteil oder ein Hype bezogen auf einen gewissen Stadtteil oder eine bestimmte Wohngegend. Geschichten über Stadtteile sprechen sich herum, werden medial aufbereitet und erlangen schließlich Einzug in Stadtentwicklungspolitik. Gilt ein Stadtteil als günstig und entspricht zugleich aktuellen Vorstellungen von chicem Wohnen, wird es mehr und mehr Menschen geben, die das bisherige Bild des Stadtteils leugnen und beginnen von Potentialen, Freiheiten und Möglichkeiten zu sprechen.2 Dazu werden immer mehr Faktoren ausgemacht, die dem neu entstehenden Bild nicht angemessen erscheinen. Was über Jahre hinweg ignoriert oder geduldet wurde, wie der öffentliche Konsum von illegalisierten Drogen, Sexarbeit oder das Abladen von Sperrmüll am Straßenrand, findet eine neue Öffentlichkeit und wird bekämpft.

Ein Wandel beginnt auf der Ebene des Wohnraums. Studierende, Auszubildende und gefühlte oder wirkliche Kulturschaffende versuchen sich im neuen Szenestadtteil. Verwerflich ist dies nicht, denn meist haben sie selbst (noch) geringe monetäre Möglichkeiten. Dennoch können sich ihre Wohngemeinschaften meist gegen Geringverdienende mit Kindern oder Sozialhilfeempfänger*innen durchsetzen, da ihr Haushaltseinkommen in der Regel höher ist. Neu im Stadtteil eingetroffen, treffen diese abweichende Konsumentscheidungen. Im Stadtteil wohnen schnell auch Akademiker*innen mit Kindern und es gibt weiteren Zuzug Einkommensstarker. Leerstand wird häufig nicht etwa in bezahlbaren Wohnraum umgewandelt, sondern zur Penthouswohnungen oder Lofts umgebaut. Nach und nach steigen die Mieten ohne nennenswerte, jedoch meist notwendige Instandhaltungen. Menschen sind gezwungen in günstigere Wohngegenden umzuziehen oder erhalten Räumungsbescheide. In den frei gewordenen Wohnraum wird entweder direkt investiert oder er verweilt als Spekulationsobjekt, um in zu einem späteren Zeitpunkt hochpreisig zu verkaufen.

Es vollzieht sich parallel ein Wandel im Bereich Arbeit und Konsumkultur. Am meisten bemerkbar macht sich dies an Kneipen, Kulturcafés und ähnlichen Einrichtungen zu deren Öffnungszeiten die vorherigen Stadteilbewohner*innen arbeiteten oder schliefen. Andere Läden und Geschäfte, deren bisherige Stammkundschaft nach und nach wegbricht, müssen schließen oder werden zu kultigen Szenekneipen oder vermeintlichen Geheimtipps. Zunächst eröffnen Ateliers, Einrichtungsgeschäfte, später Modeläden, Restaurants, Biomarktketten und schließlich Flagshipstores und Franchisenehmer*innen.

Die Marginalisierung bleibt indes zumeist unbeobachtet, denn mit jeder zugezogenen Person verschwinden andere aus dem Stadtbild und mit fast jeder Neueröffnung sind Ladenschließung und Existenzangst verbunden. Diese Prozesse der Umstrukturierung sind in vielen Städten weltweit zu beobachten.

„Gentrification hat sich zu einem ständigen Begleiter städtischer Veränderung entwickelt und steht für die neoliberale Version kapitalistischer Urbanisierung. Sanierte Häuser und neue Gewerbenutzungen stehen nicht nur für einen Wandel der Stadt, sondern vor allem für steigende Wohnkosten, die Verdrängung ökonomisch Benachteiligter und die Durchsetzung neuer Sozialstrukturen in den betroffenen Quartieren.“3

Der Kiez als Arena

Emporisierung und Marginalisierung, Aufstieg und Ausgrenzung stehen für eine konkurrenzhaft ausgerichtete Gesellschaft. Vorherrschende kapitalistische Prinzipien lassen sich auf die eigene Wohngegend übertragen und weltweite ökonomische Prozesse zeigen ihre Auswirkungen auch in der Nachbarschaft. Lässt sich der Prozess in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts wie von Henri Lefébvre als „globale Verstädterung“ oder „urbane Revolution“ begreifen4, muss heute von ökonomisierten Städten gesprochen werden.

Graf­fiti zum Thema Wohlstand in der Hafenstraße im Jungbusch

Graf­fiti zum Thema Wohlstand in der Hafenstraße im Jungbusch.

Dabei treten Städte untereinander in den Wettbewerb um finanzstarke soziokulturelle Gruppen, kämpfen um (internationale) Ausstellungen und Events oder erproben sich in teilweise absurd anmutenden Großprojekten. Investitionen in den sog. Standort sind erwünscht, zugehörige ‚Standortfaktoren‘ werden analysiert und bekämpft oder gefördert. Das neue Image eines Stadtteils lockt Mieter*innen, Investor*innen und Gewerbetreibende, die untereinander und mit der bisherigen Bevölkerung um den knapper werdenden Raum konkurrieren. Modernisierung und Luxussanierung verlangen Renditen, welche durch monetär Benachteiligte nicht erwirtschaftet werden können. Wohnraum wird von einer günstigen Unterkunft zum konsumierbaren Luxus. Menschen mit geringen Einkommen, im Neoliberalismus weniger konkurrenzfähig, werden aus dem jeweiligen Stadtbild verdrängt und müssen in bezahlbare Wohngegenden umziehen – „Gentrifizierung ist Klassenkampf von oben“.5

Erkennbar wird der globale Wirtschaftskreislauf an lokalen Veränderungen. Unternehmen kaufen und sanieren Wohnblöcke für deren Angestellte. Im Zuge der Krise der Finanzmärkte wird Wohnraum zur sicheren Kapitalanlage im risikoreichen Aktienportfolio.

Gentrification ist durch den Übergang“ der „Rentenökonomie in eine Profitökonomie des Wohnungsmarktes gekennzeichnet: Die neuen Wohnungsmarktakteur_innen in den Aufwertungsgebieten sind in der Regel keine rentenorientierten Hausbesitzer*innen mehr, sondern renditeorientierte Investor_innen.6

Recht auf Stadt als Ausweg

Das Gentrifizierung als Schlagwort mittlerweile den meisten ein Begriff ist, zeugt von der Brisanz des Themas. Immer mehr Einzelpersonen, Vereinigungen und Initiativen schließen sich zusammen und sagen steigenden Mieten und der Umstrukturieren ganzer Stadtteile den Kampf an. Sie vereinen sich unter dem Motto Recht auf Stadt, leisten Widerstand, entwickeln Forderungen und greifen aktiv durch verschiedene Protestformen in die Stadtentwicklung ein. Bei einer Analyse der Verwertung des Urbanen ist es notwendig auf diese bestehende Gegenbewegungen zu verweisen, an die sich Betroffene wenden können.

Graffiti zum Thema Umstrukturierung und Recht auf Stadt

Graffiti zum Thema Umstrukturierung und Recht auf Stadt am Rheinufer im Jungbusch.

Entwickelt wurde das Recht auf Stadt Konzept von Henri Lefèbvre, der als Stadtsoziologe das Konzept in seinem Buch „Le droit à la ville“ (1968) einführte. Er beschäftigte sich in einigen Beiträgen zur Soziologie des Raumes mit der „Produktion des Raumes“, fortbestehender kapitalistischer Verwertungslogik und dem Raum als „ein soziales Produkt“ und zugleich auch als „ein Mittel der Kontrolle und damit […] Herrschaft“.7

Als Sozialwissenschaftler und früheres Mitglied der Berliner Hausbesetzer*Innenszene leistet Andrej Holm einen wertvollen und international anerkannten Beitrag zur Forschung über Stadtentwicklung, Gentrifizierung und Wohnungspolitik. Während eines Vortrags an der Universität Hamburg am 27.11.2009 unterteilte Holm das Konzept Recht auf Stadt nach Lefébvre in „das Recht auf Anwesenheit, das Recht auf Aneignung, das Recht auf Gebrauchswerte, das Recht auf Zugang und Zentralität, das Recht auf Differenz und das Recht auf die schöpferischen Überschüsse des Städtischen8. Diese Rechte gilt es für alle zu diskutieren, zu formulieren und schließlich einzufordern. Nur so kann ein gerechtes und sozial verträgliches städtisches Zusammenleben gelingen.

Recht auf Stadt Literatur
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Für diejenigen unter euch, die sich näher mit Gentrifizierung auseinandersetzen möchten, habe ich vier interessante Videos angehängt.

Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur):

  1. Weisbrod, Bernd (1990): Sklaverei in der modernen Geschichte, S. 238. []
  2. vgl. Holm, And­rej (2013), S. 31ff. []
  3. Holm, And­rej (2013), S. 5. []
  4. Guellf, Fernand Mathias (2010), S. 9f. []
  5. Twickel, Christoph (2010), S. 101. []
  6. Holm, And­rej (2013), S. 27. []
  7. http://wiki.rechtaufstadt.net/index.php/Henri_Lefebvre, abgerufen am 09.12.2014 um 12:36 Uhr. []
  8. http://wiki.rechtaufstadt.net/index.php/Recht_auf_Stadt_%28Konzept%29, abgerufen am 09.12.2014 um 12:36 Uhr. []

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