Da ist doch was im Busch: Rassifizierung im Quartier

In der Auswertungsphase wurde das gesammelte Material aus der Erkundungsphase an Hand der lose entwickelten Forschungsfragen untersucht: Kann im Jung­busch Gen­tri­fi­zie­rung ver­or­tet wer­den? Kön­nen im Jung­busch For­men von Ras­sis­mus loka­li­siert wer­den? Gibt es Anknüp­fungs­punkte zwi­schen urba­nen Auf­wer­tungs­dy­na­mi­ken und Bei­spie­len für Ras­si­fi­zie­rung? Im weiteren Verlauf von GENTRIFIJUNGBUSCH wird auf wissenschaftliche Forschung zum Jungbusch, Interviews, Beobachtungen und das kartographische Material zurückgegriffen.

Zunächst wurden in diesem Beitrag erste Indizien für Rassifizierung im Jungbusch dem Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement (Wohnen, Arbeiten und Leben am Fluss [2010]) entnommen und hier zusammengefasst. Ein weiterer Artikel beschäftigt sich zuvor mit Indizien für Gentrifizierung im Bericht.

Hinweise auf Rassifizierung im Quartier

Als Rassifizierung wird der Rückgriff auf rassistische Wissensbestände innerhalb der Gesellschaft bezeichnet. Vergleichbar sind auch Ethniesierung oder Multikulti-Diskurse, bei denen Stereotypen über vermeintliche Gruppen aufgerufen und geteilt werden. Im Abschnitt zu Gentrifizierung im Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch wird beispielsweise von „einer heterogenen und gut ausbalancierten Bevölkerungszusammensetzung“1 gesprochen. In diesem Beitrag wird geprüft, inwiefern im Bericht rassistische Zuschreibungen getroffen wurden. Dabei werden Abschnitte aus dem Bericht zitiert und eingeordnet, die Diskriminierung und Stereotypen beinhalten. Dies geschieht aus einer dekonstruktivistischen Perspektive, die Kategorien wie ‚Ethnie‘, ‚Kultur‘, ‚Nationalität‘, ‚Herkunft‘ oder ‚Geschlecht‘ zunächst kritisch hinterfragt, um sie im weiteren Verlauf aufzulösen.

Wandtext "no nation, no problem" in der Jungbuschstraße.

Wandtext „no nation, no problem“ in der Jungbuschstraße.

Das klassische Bild von Migration ist beschränkt auf den dauerhaften Wohnortwechsel außerhalb des ‚Herkunftstaats‘ (Emigration) und das Ankommen im neuen Staat (Immigration). Es ist bezeichnend, dass in Bezug auf Migration nicht nur im vorliegenden Bericht stets von Integration gesprochen wird anstatt gesamtgesellschaftlich über Inklusion und die Auflösung der Orientierung an der ‚völkischen‘, ‚ethnischen‘ und/oder ’nationalen‘ Staatskonstruktion nachzudenken. Die ‚Gruppen‘ die im Jungbusch ‚integriert‘ werden sollen, werden im Bericht als „benachteiligte Bevölkerungsgruppen“2 „multiethnischer Zusammensetzung“3 beschrieben. Auf „die Vielfalt der im Stadtteil lebenden sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Lebensstilen und kulturellen Hintergründen“4 wird im Bericht durchgängig verwiesen.

Die Differenzierung in einzelne Gruppen und deren Merkmale erfolgt in „Unterprivilegierte wie z.B. Wohnsitzlose oder arbeitssuchende Zuwanderer (!) aus Osteuropa“5, „sozial schwache Personengruppen aus Osteuropa, insbesondere aus Bulgarien oder auch Rumänien“6, „türkische oder italienische Unternehmer (!)“7, „Migranten (!)“8, „Menschen aus Osteuropa […], die sehr schwachen sozialen Schichten oder ethnischen Minderheiten angehören“9, „Bevölkerungsgruppen mit besonderen Integrationsproblemen wie zum Beispiel Sinti und Roma“10 sowie „Asylbewerber (!)“11. Über ‚Deutsche‘ wird nicht gesprochen, sie klingen als Kreative, Künstler*innen, Familien oder Studenten mit.12 Dies ist als erster Hinweis zu deuten, dass der Bericht eben nicht aus der Perspektive derer geschrieben ist, mit denen er sich hauptsächlich befasst. Er ist ein Beispiel für einen ‚westlichen Blick‘ aus der weißen Mehrheitsgesellschaft auf von dieser stigmatisierten und an den Rand gedrängten Personen, die als Gruppen mit spezifischen Merkmalen zusammengefasst werden.

„Bei der Mehrheit der ’städtischen Spezialisten‘, von der StadtplanerIn bis zur StadtentwicklungspolitikerIn, scheint es sich noch nicht herumgesprochen zu haben, dass der Verweis auf die ‚andere Kultur‘ die Konstruktion des Fremden dominiert und als naturalisierende Kategorie fungiert, die den Begrif der ‚Rasse‘ ersetzt hat. Es erweist sich deshalb auch als problematisch, Begrife wie ‚Ethnie‘ oder ‚ethnische Minderheiten‘ rein deskriptiv zu verwenden, da sie dazu tendieren, kulturelle Unterschiede zu verdinglichen und ihren gesellschatlichen Entstehungskontext auszublenden.“13

Auch in diesem Bericht wird nicht ein Wort über Rassismus oder Diskriminierung gesprochen, denen beispielsweise Muslime oder Sinti und Roma in der Bundesrepublik und auch im Mannheimer Stadtteil Jungbusch ausgesetzt sind. Um ein Beispiel dafür aus dem Jungbusch zu geben, wurde dieser Aufkleber unweit der Yavuz Sultan Selim Moschee dokumentiert, der sich positiv auf Bücherverbrennung bezieht (Aufkleber 1: „Grüß Gott der Koran wird verbrannt von TIC“). Er ist eindeutig Islamfeinden zuzuordnen. Der Aufkleber darüber soll diesen islamfeindlichen Aufkleber wohl überdecken, ist dazu jedoch wenig geeignet, da er ebenso Muslime wie Jüdinnen und Juden angreift und sich gegen die Tradition der Schächtung richtet (Aufkleber 2: „Dort wo die Tiere in den Dienst der Menschen gestellt werden … geht ihr Leiden uns alle an (Albert Schweitzer)“. Eine Kritik am Töten und Konsumieren von nicht menschlichen Tieren hat ihre Berechtigung, aber ist an dieser Stelle überaus unglücklich gewählt. Hier wird mit Albert Schweitzer zudem einer von vielen Menschen zitiert, deren Kolonialgeschichte nur ungenügend aufgearbeitet ist.

Gleich zwei islamfeindliche Aufkleber übereinander - gegen den Koran und gegen Schächtung an der Unterführung Dalbergstraße bei der Yavuz Sultan Selim Moschee

Aufkleber gegen den Koran und gegen Schächtung in der Unterführung Dalbergstraße bei der Yavuz Sultan Selim Moschee.

Der Bericht bezieht sich nicht nur nicht auf antimuslimischen Rassismus, sondern identifiziert einzelne Menschen als „Bevölkerungsgruppe mit besonderen Integrationsproblem“14. Die Stigmatisierung als ‚Problemgruppen‘ nimmt ihren Lauf, wenn im Bericht von „überforderten Nachbarschaften“15 und dem „überforderten Bildungssystem“16 die Rede ist:

„Zusätzliche Belastungen, v.a. das Phänomen überforderter Nachbarschaften, ergeben sich vor allem aus der hohen Präsenz verschiedener Bevölkerungsgruppen mit besonderen Integrationsproblemen wie zum Beispiel Sinti und Roma oder der Ansiedlung von Asylbewerbern.“17 „Infolge der EU-Osterweiterung im Jahre 2004 bzw. 2007 ist eine zusätzliche Herausforderung aufgrund der Zuwanderung einer wachsenden Zahl von Menschen aus osteuropäischen Ländern eingetreten, die in der Mehrzahl sozialen und ethnischen Minderheiten angehören. Die Folgen sind u.a. überforderte Bildungssysteme, Konflikte im öffentlichen Raum, Irritationen in Hinblick auf Sicherheit und Ordnung sowie überforderte Nachbarschaften.“18

Diese Rhetorik entspricht der des gleichnamigen und von antirassistisch arbeitenden Gruppen häufig kritisierten empirica-Gutachtens „Überforderte Nachbarschaften“ im Auftrag des Bundesverbandes deutscher Wohnungsunternehmen aus den 90er Jahren. Der Quartiersbericht besagt weiter, „dass Teile der Bevölkerung […] auf diese Veränderungen mit einem Rückzug ins Private oder sogar mit dem Wegzug aus dem Quartier“19 reagierten. Gemeint sind erwünschte „sozialintegrierte Familien mit und ohne Migrationshintergrund“20. Sinti und Roma und Asylbewerber vertreiben diesem Bericht nach ’sozial-integrierte‘ Familien. Zeitgleich würde „der Rückzug in sogenannte ‚ethnische Kolonien‘ mit Orientierung an der Herkunftskultur“21 beobachtet. Das Quartiersmanagement habe das „soziale Abrutschen des Stadtteils bzw. eine Ghettoisierung verhindern können“22.

Urbane Paniken

Vassilis Tsianos und Klaus Ronneberger untersuchen genau diese Erklärungsmuster im Zuge der Umstrukturierung von Quartieren als „urbane Paniken, die nach 9/11 zunehmend in einen offenen Antiislamismus umschlagen“23. Neben dem antimuslimischen Rassismus, den Tsianos und Ronneberger beispielsweise in Hamburg am Beispiel des Stadtteils St. Georg festgestellt haben, lassen sich diese urbanen Paniken im Jungbusch auch auf den Bereich Antiziganismus und den Rassismus gegenüber Asylbewerbern übertragen.

„Ghettos, Parallelgesellschaften, ethnische Enklaven: Mit den immer gleichen Zuschrei­bungen wird in Deutschland das Image migrantisch geprägter ‚Problemviertel‘ repro­duziert – obwohl im internationalen Vergleich von einer großflächigen Segregation gar nicht die Rede sein kann. Medien und Politiker können dabei auf Studien der Stadt­ und Regionalforschung zurückgreifen, die mit Schlagworten wie ‚überforderte Nachbar­schaften‘ die Bedrohungsszenarien noch verstärken.“24

Das Quartiersmanagement hält fest, dass neben Armut oder Diskriminierung im Herkunftsland „ein nicht unerheblicher Teil der Zuwanderung […] zudem durch aktive Nachfrage aus dem Bereich der Schattenwirtschaft motiviert zu sein“25 scheint. Außerdem zeige sich, „dass aufgrund des Mangels an privaten Freiräumen und Alternativen Unterprivilegierte wie z.B. Wohnsitzlose oder arbeitssuchende Zuwanderer aus Osteuropa die öffentlichen Räume mit der Tendenz der Dominanz in Anspruch nehmen“26. Das Quartiersmanagement setzt auf „soziale Kontrolle“ und den „Fachbereich Sicherheit und Ordnung“27, denn „um die Substanz der Promenade zu erhalten“ sei es unabdingbar „aufkeimende Verwahrlosungstendenzen stringend zu unterbinden, um eine Negativspirale nicht entstehen zu lassen“.28 Anstatt sich diesen unzureichend analysierten Problemlagen innerhalb der Gesellschaft anzunehmen und den Stigmatisierten Hilfen anzubieten, werden die ausgemachten ‚Problemgruppen‘ durch die Anwesenheit von Ordnungshüter*innen in andere Stadtteile vertrieben.

Der kommunale Ordnungsdienst im Revier Jungbuschquartier (Böckstraße)

Der kommunale Ordnungsdienst im Revier Jungbuschquartier (Böckstraße).

Racial Profiling und ‚Problemimmobilien‘

Welche Folge dies für die Menschen, die im Stadtteil bleiben, hat lässt sich leicht erraten: Racial Profiling. Zu dieser Praxis der verfassungswidrigen jedoch in Deutschland alltäglichen Praxis der rassistischen Kontrollen, die sich im Jungbusch durch Beobachtungen und Gespräche bestätigten, folgt an späterer Stelle ein Beitrag. Sicherheit und Ordnung werden im Bericht jedoch neben dem öffentlichen Raum auch auf den Bereich Wohnen übertragen. Dabei zeigte sich die Stadt Mannheim als Vorreiterin im Kauf von Immobilien, in denen sich die ausgemachten ‚Problemgruppen‘ aufhalten.

„Im Berichtsjahr 2010 wuchs das Konfliktpotenzial zwischen modernisierten Häusern und verwahrlosten Immobilien. Letztgenannte wurden vor allem mit Zuwanderern aus Osteuropa belegt. Nachbarschaftsstreitigkeiten bis hin zum Wegzug aus dem Quartier waren die Folge. Das Quartiermanagement regte an, ordnungsrechtliche Maßnahmen zur Beseitigung von Missständen einzuleiten und mit dem Ziel der nachhaltigen Stabilisierung des Wohnumfelds den Ankauf der sogenannten ‚Problemimmobilien‘ durch die Stadt Mannheim oder eine städtische Gesellschaft zu prüfen.“29

Die sog. Problemimmobilie an der Ecke Böckstraße/Hafenstraße

Die sog. Problemimmobilie an der Ecke Böckstraße/Hafenstraße.

Diese sollen nach Ankauf und Modernisierung nicht etwa den ehemaligen Bewohner*innen zur Verfügung gestellt werden, sonder „nach erfolgter Sanierung einer quartiersgerechten bzw. die Quartiersentwicklung positiv stimulierende Nutzung“30 zugeführt werden. Die nicht näher definierte Anwohnerschaft äußerte zudem den „Verdacht illegaler Prostitution in Wohnhäusern“ und „des nächtlichen Verkaufs von illegalen Drogen auf Spielplätzen“.31. Außerdem wurden „Fragen der Sauberkeit32 diskutiert. Diese sicherheits- und ordnungsbewussten Anwohner*innen werden von Tsianos und Ronneberger als „städtischen Eliten“ beschrieben:

„Sie verkörpern die vermeintliche Toleranz der Mehrheitsgesellschaft und treiben zugleich urbane Paniken voran. Die Beschreibung der ‚überforderten Nachbarschaften‘ erfolgt auf der Basis von Statistiken, Experten- und Bewohner-Interviews: eine Ansammlung von städtebaulichen und sozialen Pathologien mit den immer gleichen Bildern und Erzählungen […], die das vorherrschende Image des Problemquartiers reproduzieren. Die Wirksamkeit solcher ‚Paniken‘ besteht gerade in der affektgeladenen Intensität: Die neuen städtischen Eliten müssen einen ‚zivilisatorischen Auftrag‘ durchsetzen, in dem sie abweichendes Verhalten disziplinieren. Es entsteht ein antimuslimischer Urbanismus, bei dem Sicherheits- und Stadtpolitik zusammengefügt werden.“33

Diversity Management

Doch diese Differenzbildung funktioniert nicht nur mit der Zuschreibung von negativen Merkmalen gegenüber ‚problematischen‘ Gruppen als urbane Paniken, sondern auch umgekehrt als Diversity Management, wenn „Vielfalt“ als „Attraktivitätsfaktor für Wissensarbeiter und Kreativwirtschaft“ als „Kennzeichnen des multikulturellen Jungbusch“ gedeutet wird34: „Um Vielfalt als Chance zu begreifen, braucht es eine stabile Basis an wirksamen Integrationsangeboten und eine hohe Professionalität, die Vielfalt produktiv zu managen (Diversity Management).“35 Eben dieser neoliberale Kampfbegriff hält in letzter Zeit vermehrt Einzug in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche, die bereits durch New Public Management gekennzeichnet sind.

Neben seinem offensichtlichen Einzug in die Stadtentwicklung und Quartiersarbeit, findet ‚Diversity Management“ sich beispielsweise im Gesetzentwurf zum Hamburgischen Hochschulgesetz oder in der Kampagne „Du bist Deutschland“ wieder.

„Sichtbare Ungleichheitsfaktoren zwischen Mann (!) und Frau (!), z.B. in der durchschnittlich ungleichen Bezahlung (Gender Gap), werden beim Diversity Management durch vermeintlich bspw. spezifisch weibliche (!) Kompetenzen und Wissensbestände, die in einer männlich (!) dominanten Belegschaft zu kurz kämen, zur Chance der einzelnen Frau (!) innerhalb des Wettbewerbs um Schlüsselpositionen innerhalb einer Belegschaft. People of Color konstituieren sich nicht im Kampf gegen rassistische Verhältnisse, sondern erscheinen Person für Person als kultureller Mehrwert für die Erschließung neuer Märkte. So gelangt Diversity Management nicht zu einem herrschaftshinterfragendem Moment, sondern verfestigt Machtverhältnisse in der Toleranz der*des jeweilig vermeintlich anderen in dessen*deren persönlicher*n Ressourcenvielfalt. (Mehr dazu lesen: Hausarbeit – Diversity Management als Bestandteil der unternehmerischen Hochschule)“

Das Quartiersmanagement spricht sich offen dafür aus, dass vermeintlich ‚Andere‘ zur Schau zu stellen, um den Stadtteil damit zu vermarkten und verkauft es den Betroffenen als Teilhabemöglichkeiten, um vom Aufstieg des Stadtteils eventuell profitieren zu können. Auch diese Exotisierung ist eine spezifische Form von Rassismus:

„Damit kann sich das Jungbuschquartier in seinem unverwechselbaren Profil zeigen, mit einer positiven Vielfalt bzw. Multikulturalität und Weltoffenheit als seine Markenzeichen. Nicht mehr so sehr die sozialen Defizite bestimmen die Innen- und Außensicht, sondern die Ressourcen, Möglichkeiten und Chancen. Da eine auf Kontinuität angelegte Kultur- und soziokulturelle Arbeit, die den Akzent auf Diversität setzt und Beteiligungsmöglichkeiten bietet, wird gleichzeitig Sorge getragen, dass die multikulturell zusammengesetzte Bevölkerung im Jungbusch an den Veränderungen im Stadtteil aktiv teilnehmen kann.“36

Diese kapitalistische Antwort auf die Kritik an den bestehenden rassistischen und sexistischen Verhältnissen beinhaltet im Jungbusch auch Vorschläge für die Arbeitswelt der Bewohner*innen. Für Männern(!) und Frauen(!) schlägt das Quartiersmanagement unterschiedliche Betätigungsfelder vor, um die „Identifikation mit den Maßnahmen der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen“37 zu stärken. Arbeitslose Männer (!) sollen Müll sammeln, Gartenarbeit verrichten und handwerklich tätig werden. Frauen (!) werden künstlerisch aktiv, verkaufen ihre Werke und bereiten sich ganz nebenbei auf die Reproduktion vor:

„Künftige Maßnahmen zur Erstellung von Grün- und Freiflächen, deren Möblierung, Sanierungsmaßnahmen von vorhandenen Spielplätzen sowie die Pflege öffentlicher Flächen sollten stärker über Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen für Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt geöffnet werden. Ein Schwerpunkt sollte dabei auf die Zielgruppe der langzeitarbeitslosen Männer gesetzt werden.“38

„Von strategischer Wichtigkeit sind die Projekte mit Migrantinnen, in denen gezielt Beteiligung, soziale Integration und die persönliche und berufliche Orientierung von Frauen gefördert werden. Die kreative Betätigung und […] die Präsentation der ‚Produkte‘ (z.B. Ausstellung von Kunstwerken) bereichert auch die kulturelle Vielfalt und die öffentliche Anerkennung der verschiedenen Kulturen und Ethnien. Durch die Verstetigung der Projektarbeit mit Migrantinnen werden darüber hinaus auch wichtige Impulse für die Integrationsförderung gesetzt, denn diese Angebote wenden sich in der Mehrzahl an junge Mütter, wodurch deren Erziehungskompetenz entscheidend gestärkt werden kann – zum Nutzen der nachfolgenden Generation.“39

Auch auf junge „Migranten“, denen angeblich „erlebbare Vorbilder“ fehlen, „die zu zielgerichteten Bemühungen um Qualifikation und Erwerbsarbeit motivieren“40, geht der Bericht näher ein:

„Das Quartiermanagement initiiert und unterstützt zudem Projekte der Jugendkulturwerkstatt Creative Factory (Theater-, Musik- und Filmprojekte). Diese Projekte tragen zum einen zur Stärkung des Selbstbewusstseins der beteiligten jungen Migranten bei, vermitteln aber auch Sprach- und Sozialkompetenzen sowie Arbeitstugenden und schaffen damit wichtige Voraussetzungen für einen besseren Zugang zu Ausbildung und Arbeitswelt.“41

Um die „Bildungschancen“ müsse sich ebenfalls gesorgt werden, da diese „für Kinder und Jugendliche […] im Jungbuschquartier infolge integrations – und milieubedingter Entwicklungsstörungen immer noch eingeschränkt“ seien.42 Auch für die Kinder gäbe es „in der außerschulischen Bildung und im Alltag“ nicht genügend „Vorbilder und Anreize„.43:

„Die Herausforderung der Integration wird den Jungbusch auch in den nächsten Jahrzehnten entscheidend prägen. Ein dauerhaft hoher Bevölkerungsanteil von Muslimen wird nicht zuletzt durch die Präsenz der beiden größten Moscheen Mannheim verstärkt, nämlich der DITIB-Moschee am Luisenring und der von der IGMG getragenen Fatih-Moschee in der Böckstraße mit ihrem im Jahre 2009 abgeschlossenen Erweiterungsbau. Der anhaltende Erwerb von Immobilien durch die türkische Bevölkerungsgruppe dürfte diese Entwicklung auch langfristig verstetigen.“44

Es wirkt beinahe selbstverständlich, dass an dieser Stelle eine Verknüpfung zwischen dem Islam und „integrations – und milieubedingter Entwicklungsstörungen“45, was auch immer das sein soll, vorgenommen wird. Es handelt sich hingegen schlicht um antimuslimischen Rassismus.

Das Gesamturteil zu dem vorliegenden Bericht fällt im Bezug auf Rassifizierung ernüchternd aus. Der Bericht bewegt sich innerhalb in der Mehrheitsgesellschaft weit verbreiteten  rassistischen Stereotypen. Die hier analysierten Stellen sind keine persönliche Kritik an den Menschen, die das Quartiersmanagement im Jungbusch vorantreiben, sondern sollen vielmehr zum Nachdenken anregen. Leider erinnert der Bericht über das Quartier in weiten Teilen nicht an eine stadtentwicklungspolitische Bestandsaufnahme, sondern eher an die Thesen Thilo Sarrazins. Es konnten erste Anküpfungspunkte zwischen Stadtentwicklung und Rassifizierung entdeckt werden, wie etwa der Diskurs um ‚Problemimmobilien. Außerdem gilt es die ordnungspolitischen Maßnahmen gegen die so bezeichneten ‚Bulgaren und Rumänen‘ unter die Lupe zu nehmen (Racial Profiling). An dieser Stelle gibt es zudem Hinweise auf antiziganistische Stereotype, die scheinbar auf alle verallgemeinert werden, die aus dem Osten Europas emigriert sind. Es gilt weiterhin den Zusammenhang von Marginalisierung und Aufwertung sichtbar zu machen, der an dieser Stelle bereits zum Vorschein kam.

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Darüber hinaus:

Wem bisher noch griffige Beispiele für praktisches Diversity Management fehlen – schaue sich diese Version von ‚produktiver Identifikation‘ mit der eigenen Schule an. Diese rassistische Darstellung findet sich u.a. am Eingang zum Gelände der Jungbusch Schule. Die Schulleitung wurde im Rahmen dieses Blogs noch darum gebeten dazu Stellung zu nehmen. Es sei auch daran erinnert, dass in Mannheim und vielen anderen Städten immer noch unverhohlen und öffentlich das rassistische Lied „Alle Kinder lernen lesen“ gesungen wird. Es wäre nicht verwunderlich, wenn das auch hinter dieser Mauer geschieht.

Diversity Management? Institutioneller Rassismus an der Jungbusch Schule

Institutioneller Rassismus an der Jungbusch Schule an der Werftstraße.

Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur):

  1. Bericht über die Arbeit des Quar­tier­ma­nage­ment Jung­busch (Berichts­jahr 2010):, S. 17f. []
  2. Ebd., S. 3. []
  3. Ebd. []
  4. Ebd., S. 8. []
  5. Ebd., S. 8. []
  6. Ebd., S. 15f. []
  7. Ebd., S. 19 []
  8. Ebd., S. 20. []
  9. Ebd. []
  10. Ebd., S. 34. []
  11. Ebd. []
  12. Ebd. S. 24f. []
  13. Tsianos, Vassilis S. (2015): S. 57. []
  14. Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010), S. 34 []
  15. Ebd. []
  16. Ebd., S. 59f. []
  17. Ebd., S. 34. []
  18. Ebd., S. 59f. []
  19. Ebd. []
  20. Ebd., S. 26. []
  21. Ebd., S. 25. []
  22. Ebd., S. 58. []
  23. Tsianos, Vassilis S. / Ronneberger, Klaus (2012): S. 40-49 []
  24. Ebd. []
  25. Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010), S. 40 []
  26. Ebd., S. 8. []
  27. Ebd., S. 9. []
  28. Ebd. []
  29. Ebd., S. 12. []
  30. Ebd., S. 71. []
  31. Ebd., S. 53. []
  32. Ebd., S. 54. []
  33. Tsianos, Vassilis/Ronneberger, Klaus (2012):Panische Räume. In: StadtBauwelt 193, S. 40-49 []
  34. Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010), S. 41 []
  35. Ebd. []
  36. Ebd., S. 47. []
  37. Ebd., S. 43. []
  38. Ebd., S. 26. []
  39. Ebd., S. 46. []
  40. Ebd., S. 20. []
  41. Ebd., S. 26f. []
  42. Ebd., S. 35. []
  43. Ebd. []
  44. Ebd. []
  45. Ebd. []

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