Da ist doch was im Busch: Gentrifizierung im Quartier

In der Auswertungsphase wurde das gesammelte Material aus der Erkundungsphase an Hand der lose entwickelten Forschungsfragen untersucht: Kann im Jung­busch Gen­tri­fi­zie­rung ver­or­tet wer­den? Kön­nen im Jung­busch For­men von Ras­sis­mus loka­li­siert wer­den? Gibt es Anknüp­fungs­punkte zwi­schen urba­nen Auf­wer­tungs­dy­na­mi­ken und Bei­spie­len für Ras­si­fi­zie­rung? Im weiteren Verlauf von GENTRIFIJUNGBUSCH wird auf wissenschaftliche Forschung zum Jungbusch, Interviews, Beobachtungen und das kartographische Material zurückgegriffen.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit ersten Indizien für Gentrifizierung im Jungbusch, die dem Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement (Wohnen, Arbeiten und Leben am Fluss [2010]) entnommen und hier zusammengefasst wurden. Der später veröffentliche Artikel zu Rassifizierung im Quartier geht vergleichsweise vor und stellt eine Fortsetzung dieses ersten Teils dar.

Das Quartiersmanagement betritt die Manege

Was früher Stadtteilarbeit oder Stadtentwicklung zugeordnet wurde, trägt heute unter öffentlicher Finanzierung oft den Titel Quartiersmanagement. Dieses Labeling kann der gesellschaftlichen Umstrukturierung gemäß des New Public Management zugeschrieben werden. Mit der durch Thatcherismus und Neoliberalismus beschriebenen Ökonomisierung aller Lebensbereiche hielten nach und nach immer mehr privatwirtschaftliche Methoden und Ideen Einzug auch in die öffentliche Verwaltung. So gibt es heute in vielen Stadtteilen Quartiersmanager*innen, deren Ziel es zumeist ist, die Integration von lokaler Politik und Verwaltung, lokalen Unternehmen und Gewerbetreibenden, Initiativen und Vereinen sowie Anwohner*innen voranzutreiben.

Schild des Quartiermangement vor dem Gemeinschaftszentrum Jungbusch in der Jungbuschstraße

Schild des Quartiermangement (sic!) vor dem Gemeinschaftszentrum Jungbusch in der Jungbuschstraße.

„Die Zukunftswerkstatt Jungbusch – eine im Jahre 1996 von Bewohnern und Stadtteilakteuren gegründete Initiative – formulierte unter der Leitidee „Wohnen, Arbeiten und Leben am Fluss“ neue Entwicklungsziele für ihren Stadtteil, um die Beheimatung im Wohngebiet weiter zu fördern und das Quartier für neue Bevölkerungsschichten attraktiv zu machen. Um die Bewohner an der Aufwertung ihres Stadtviertels zu beteiligen und die Integration aller Strategien und Aktivitäten im Quartier zu fördern, beauftragte die Stadt Mannheim im Februar 2002 den Trägerverein Gemeinschaftszentrum Jungbusch e.V. mit dem Quartiermanagement Jungbusch. Dieses setzt sich gemeinsam mit vielen weiteren Stadtteilakteuren für eine sozialverträgliche Quartierserneuerung ein, die möglichst viele an den Chancen dieser Entwicklung teilhaben lässt. Aufgrund des besonderen Entwicklungsbedarfs braucht es eine umfassende Aufwertungsstrategie, bei der geeignete Maßnahmen aus unterschiedlichen Ressorts wirksam ineinander greifen. Wir nennen das integrierte Entwicklung und meinen damit, dass bauliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Massnahmen grundsätzlich gleichwertig zu betrachten sind.“1

In vielen Städten gibt es Kritik am Quartiersmanagement oder den in Private-Public-Partnership organisierten Aufwertungsstrukturen. Die Arbeit des Quartiersmanagements ist zum großen Teil an einer vermeintlichen Befriedung von Stadtteilen orientiert, um diese als Wirtschaftsstandort attraktiv zu machen. Dabei generieren sie eine Scheinlegitimation der Bevölkerung für längst beschlossene politische Rahmenprogramme und Investitionsmaßnahmen. So finden Runde Tische oder Diskussionsveranstaltungen statt, die zumeist vom Quartiersmanagement initiiert und moderiert werden. Nicht selten kommt es dabei vor, dass diejenigen, über die dort diskutiert wird, nicht anwesend sind. Darunter fallen marginalisierte Gruppen aber bspw. auch Betrachten wir die Stadt als Fabrik, so sind Quartiersmanager*innen die Abteilungsleiter*innen der Stadtteile.

„Ein Quartiersmanagement kann nur an den Symptomen von Armut und Ausgrenzung ansetzen, nicht jedoch an den Ursachen. Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die soziale Selektivität von Beteiligung. Viele Studien, auch aus anderen Ländern, haben gezeigt, dass man viele der tatsächlich Ausgegrenzten mit den Beteiligungsangeboten des Quartiersmanagements nur sehr schwer erreichen kann. Oft nutzen vor allem gebildete Mittelschichten die Gremien und Partizipationsinstrumente.“2

Hinweise auf Gentrifizierung im Quartier

Im Bericht des Quartiersmanagement heißt es: „Gentrifizierung im eigentlichen Sinne konnte im Jungbusch bisher vermieden werden“3. Die Quartiersmanager*in des Nachbarstadtteils spricht allerdings von einer „simulierten Gentrifizierung, da in diesem Prozess bestimmte Begleiterscheinungen der Gentrifizierung – insbesondere die Nutzbarmachung und Ansiedlung von Kunst und Kultur – gezielt Anwendung fänden“4. Die marktwirtschaftliche Umwandlung von Mietverhältnissen in Eigentumsverhältnisse habe dabei „negative Verdrängungseffekte zur Folge“,5 und „Gentrifizierung kann also für den Jungbusch […] nicht ausgeschlossen werden“6. Der Bericht weißt insgesamt widersprüchliche Aussagen auf, die sich jedoch in aktuelle Diskurse zu Gentrifizierung einordnen lassen.

„Gentrification hat sich […] zu einem regelrechten Reizwort entwickelt und wird seither regelmäßig von Stadtplaner_innen, Investor_innen und Kommunalpolitiker_innen geleugnet. […] Im beschaulichen Graz etabliert sich seit ein paar Jahren ein Kunst- und Kreativmilieu im bisher sehr proletarisch geprägten Lendviertel. Nicht nur eine neue Gewerbestruktur und ein verbessertes Image des Stadtteils sind die Folge, sondern auch eine deutliche Zunahme von Neubau- und Moderniesierungsaktivitäten.“ 7

Bericht des Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010)

Quelle: Bericht Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010), S. 17f.

„Zentrales Ziel in der weiteren Stadtteilentwicklung ist es, zu einer ausgewogenen Zusammensetzung der Bewohnerschaft zu kommen. Um eine tragfähige Stabilität und eine kontinuierliche Beheimatung im Stadtteil zu erreichen, ist sowohl die Verwurzelung der heutigen Bewohnerschaft zu fördern, als auch der Zuzug neuer Bevölkerungsschichten. Die Aufwertung des Stadtteils Jungbusch soll sich an einem Leitbild orientieren, das den Jungbusch als einen lebendigen, vielfältigen, kreativen, toleranten und urbanen Stadtteil sieht. Eine nachhaltige und langfristig angelegte Stabilität und Attraktivität wird in einem guten und ausgewogenen Miteinander von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, mit unterschiedlichen Bildungs- und ökonomischen Voraussetzungen und in unterschiedlichen sozialen Lebenslagen gesehen.“8

Diese zentralen Ziele lesen sich für die meisten zunächst recht unproblematisch. Würde das Ziel der „ausgewogene Zusammensetzung der Bewohnerschaft“9 jedoch in Zusammenhang mit anderen Stadtteilen angewandt, wäre der Aufschrei enorm. Vassilis Tsianos beschreibt dieses Instrument der Stadtplanung als selektiv:

„Die ’sozial durchmischte Stadt‘ stellt nachwievor ein bundesdeutsches Ideal dar. Dies hängt auch mit der Regulation des Wohnungsmarktes zusammen. In den meisten Kommunen existieren Vorgaben von lokalen Behörden und Wohnungsbaugesellschaften zur Herstellung ‚ausgewogener‘ Bewohner_innenstrukturen in den Stadtteilen. Allerdings bleibt es im Ermessen der jeweiligen Akteur_innen, wie sie die soziale Durchmischung definieren und umsetzen: Das Ideal der Ausgewogenheit wird daher selektiv ausgelegt. So erregen die Territorialstrategien einkommensstärkerer Haushalte, das Wohnumfeld möglichst homogen zu halten und räumliche Distanz zu den unteren Klassen zu wahren, selten Anstoß. Dagegen ist man bemüht, eine räumliche Konzentration von migrantischer Bevölkerung und von Sozialtransferempfänger_innen zu vermeiden.“10

Leugnen, relativieren und verharmlosen

In „Wir Bleiben Alle!“ beschreibt Andrej Holm nicht nur die Relativierungsrethorik in Bezug auf Gentrifizierungsdiagnosen, sondern auch einen Verharmlosungsdiskurs in Bezug auf die Verdrängung, den er als „Mythos der sozialen Mischung“ 11 bezeichnet. Holms Analyse trifft exakt auf das zu, was sich auch im Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch wieder findet. Indes verwickelt sich der Bericht in immer mehr Widersprüche zum Anspruch, die gentrifizierungstypische Marginalisierung verhindern zu wollen:

„Durch die neuen Impulse entsteht sukzessive ein interessantes Wohn- und Arbeitsumfeld, das insbesondere die Kreativkräfte und Existenzgründer anzieht. In Immobilien wird auch von privater Seite wieder investiert, positive Impulse sind auch in der Gastronomie und im Einzelhandel zu registrieren. Gleichzeitig stellt sich die Aufgabe, Interessen des Wohnens einerseits und der Kreativwirtschaft und des Ausgehens andererseits in ein ausbalanciertes Verhältnis zu bringen.“12

Privatwirtschaftlichen Investitionen in Immobilien und öffentliche Subventionen für Konsumkultur und Kreativwirtschaft ohne einen massiven städtischen Ankauf von Gebäuden und deren Umwandlung in Sozialwohnungen oder den Neubau von Sozialwohnungen, werden im Jungbusch zweifelsohne zu Mietsteigerungen und steigenden Immobilienpreisen führen. Wie dies in einem „sozial verträglichen Rahmen“13  geschehen soll, und was diesen kennzeichnet, bleibt im Bericht offen.

Baustelle des Kreativwirtschaftszentrums an der Hafenstraße neben dem Quartiersplatz

Baustelle des Kreativwirtschaftszentrums an der Hafenstraße neben dem Quartiersplatz.

„Die Entwicklung am „Kanal“ wird damit zum Katalysator für die Aufwertung des direkt benachbarten Quartiers; das lebendige, vielseitige und urbane Stadtviertel wird zu einem attraktiven und existenzgründerfreundlichen Umfeld. Gelingt es, die vorhandenen Ressourcen zu bündeln und herauszustellen, entsteht ein Modell mit hoher Ausstrahlungskraft für innerstädtisches, urbanes Wohnen und Arbeiten für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen.“14

In den nächsten Artikeln auf GENTRIFIJUNGBUSCH soll geprüft werden, was sich seit dem Bericht 2010 im Stadtteil getan hat und ob weitere Parallelen und Anzeichnen für Gentrifizierung ausgemacht werden können. Was hat es mit der Kreativwirtschaft und Existenzgründungen auf sich, wie entwickeln sich die Ausgehmöglichkeit und ist im Jungbusch inzwischen deutlicher von Gentrifizierung die Rede?

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Die Stadtentwicklungspolitik der Neoliberalen Stadt wurde in dieser Grafik nochmals zusammengefasst.

Stadtentwicklungspolitik in der neoliberalen Stadt

Stadtentwicklungspolitik in der neoliberalen Stadt (Eigene Darstellung).

Einzelnachweise (Es gibt auch eine ausführliche Übersicht der verwendeten Literatur):

  1. http://www.jungbuschzentrum.de/quartiermanagement/, aufgerufen am 11.12.2014 um 14:46 Uhr. []
  2. https://gentrificationblog.wordpress.com/2010/03/29/berlin-gefahren-der-aufwertung-interview/, aufgerufen am 11.12.2014 um 16:47 Uhr. []
  3. Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010): S. 17f. []
  4. Ebd. []
  5. Ebd. []
  6. Ebd. []
  7. Holm, Andrej (2013): S. 53 []
  8. Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010): S. 62 []
  9. Ebd. []
  10. Tsianos, Vassilis (2013): S. 28. []
  11. Ebd. []
  12. Bericht über die Arbeit des Quartiermanagement Jungbusch (Berichtsjahr 2010): S. 3. []
  13. Ebd., S. 17 []
  14. Ebd., S. 6 []

Ein Kommentar zu “Da ist doch was im Busch: Gentrifizierung im Quartier

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