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Ich bin Moritz Krauß, 24 Jahre alt und studiere Soziologie an der Universität Hamburg

An dieser Stelle möchte ich kurz ausführen, wodurch meine Beobachtungen beeinflusst werden. In der qualitativen Sozialforschung ist diese sogenannte Situierung der Forschenden von großer Bedeutung, da die Wahrnehmung, sozusagen die Brille durch die ich die Welt erkunde, bestimmte Hintergründe hat. Anders als bei quantitativer Sozialforschung werde ich daher nicht vorgeben neutral zu forschen oder eine konstruierte Grundgesamtheit abzubilden. Ich gehe mit verschiedenem Werkzeug (Geeignete Ausrüstung, ständiges Informieren) eine Woche vor die Tür und lasse mich vom Feld selbst durch den Jungbusch führen. Mit verschiedenen Methoden lerne ich den Stadtteil kennen und vergleiche danach meine Ergebnisse mit bestehenden Modellen. Aus beobachteter Praxis und theoretischen Annahmen schreibe ich im nächsten Schritt Artikel auf GENTRIFIJUNGBUSCH.

GENTRIFIJUNGBUSCH Autor Moritz Krauß am Verbindungskanal (Hintergrund: Baustelle Hafenstraße)

GENTRIFIJUNGBUSCH Autor Moritz Krauß am Verbindungskanal.

Mein persönlicher Rucksack für die Erforschung von Städten beginnt wahrscheinlich mit dem Umzug nach Hamburg 2009. Während eines Freiwilligen Ökologischen Jahres unter Anstellung bei der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt kam es meinerseits häufig zur kritischen Reflexion der eigenen Rolle in der Stadt mit besonderem Augenmerk auf Hamburgs Rolle als Umwelthauptstadt Europas 2011 (Green Capital).

Die Beschäftigung mit der Stadtentwicklungspolitik Hamburgs und deren Auswirkungen ergab sich zudem durch die Beobachtung des eigenen Wohnumfeldes in Wilhelmsburg von 2010 bis 2013 und dessen – durch die Stadt gewollte – Umwandlung im Rahmen des Sprung über die Elbe, der Internationalen Bauausstellung (IBA) und der Internationalen Gartenschau (igs) in dieser Zeit. Ich habe dabei viel gesehen: Absurde Baupläne, utopische Investitionsvorhaben, Verdrängung und auch das Gegeneinander von Anwohnenden. Auf der anderen Seite habe ich solidarische Praxis erfahren, mich vernetzt und viel über Gegenmaßnahmen zum Schreckgespenst Gentrifizierung nachgedacht.

Nach neun Semestern Soziologie lange noch nicht ausgelernt

Spätestens seit 2011 nehme ich aktiv am stadtpolitischen Geschehen teil. Im Jahr 2012 untersuchte ich in einem Seminar von Efthimia Panagiotidis Protestformen in der Stadt und verfasste eine Seminararbeit unter dem Titel „Temporäre Raumaneignung als Ausdruck der Kritik am Konzept der neoliberalen Stadt Hamburg – am Beispiel der Besetzung der Schilleroper in St. Pauli“.

Ich war Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim Allgemeinen Studierendenauschuss an der Universität Hamburg. Als Studierendenvertretung engagierten wir uns stadtentwicklungspolitisch stark gegen Wohnungsnot und Mietenwahnsinn. Zu dieser Zeit konnte ich beobachten, dazulernen und gestalten und partizipierte an dem, was wir in Hamburg „unser Recht auf Stadt einfordern“ nennen. Dabei lernte ich viele engagierte Personen und Gruppen kennen, deren Zusammenarbeit in Hamburg meiner Meinung nach etwas besonderes im bundesrepublikanischen Raum darstellt.

In einer postkolonialen Welt voller Rassifizierung

Die Beschäftigung mit dem Themenfeld Rassismus begann bereits weitaus früher. Ich bin in Pforzheim geboren und im Enzkreis aufgewachsen. In Pforzheim findet jährlich am 23. Februar eine sogenannte „Mahnwache“ statt, die Faschist*innen überregional die Möglichkeit gibt geschichtsrevisionistisches und rassistisches Gedankengut zu verbreiten. Für die in Mannheim lebenden Lesenden von GENTRIFIJUNGBUSCH schlage ich daher für den 23. Februar 2015 einen Besuch in Pforzheim vor. Dresden calling!

Zu meiner Schulzeit war ich 2008 Erstpreisträger im Schülerwettbewerb zur Förderung politischer Bildung des Landtags zu Baden-Württemberg mit dem Thema: „Das Internet – Knotenpunkt neonazistischen Gedankengutes?“, da ich mich mit rechten Strukturen im Karlsruher Umland beschäftigte und dazu einen Beitrag bei der Landeszentrale für politische Bildung einreichte.

Ein Engagement gegen rassistische Stereotype bedeutet, so denke ich, über konkrete antifaschistische Arbeit hinaus etwas in der Mehrheitsgesellschaft zu bewegen. Rassismus geht auch von dem aus, das sich selbst die Mitte der Gesellschaft nennt und auch linke Strukturen sind nicht frei von Rassifizierungen. Antirassistische Arbeit geht nur gemeinsam und sollte stets kritisch die eigene Position in der Gesellschaft hinterfragen und sich gegen weißidentitäre Eliten wenden.

Dazu beschäftigte ich mich kritisch mit „Diversity Management als Bestandteil der unternehmerischen Hochschule“ und „Mobilmachung für Krieg und Töten im Populären Journalismus am Beispiel von Militärwerbung der Bundeswehr in der Jugendzeitschrift Bravo“.

Eine ökonomische Betrachtung von Rassismus und Stadtentwicklung

In letzter Zeit betrachtete ich im Hauptaugenmerk politisch und studienbedingt bei Prof. Dr. Marianne Pieper urbane Transformation, die Verlagerung des Lebensraums in das Gebiet eines anderen Staates bzw. gesellschaftliche Wirkungsweisen von Rassismus. In gemeinsamen Kämpfen mit marginalisierten Gruppen gegen die Unterbringung in Lagern, für ein Bleiberecht für alle (beispielhaft das der Gruppe Lampedusa in Hamburg) und für Freizügigkeit stieß ich immer wieder auf Grenzen in der beschränkten Welt von Sicherheit und Ordnung und der Nationalstaaten, in der wir leben.

Eine Analyse ist unbefriedigend, wenn sie dabei eine ökonomische Betrachtungsweise der Lebensverhältnisse außen vor lässt. Es ging und geht mir daher nicht um die Behandlung von Symptomen, sondern um ein radikales Umdenken innerhalb der Gesellschaft. Ich plädiere dafür sich vermehrt mit (Wohn)raumentwicklung zu beschäftigen und Kämpfe zu vereinen, Wissen auszutauschen und gestärkt und gemeinsam antirassistisch für ein Recht auf Stadt zu streiten. Ich teile einen großen Teil der Kritik an der neoliberalen Stadtentwicklungspolitik, die augenscheinlich nicht den Einwohnenden dient, sondern profitorientiert ist und privatisierend wirkt. Ich befürworte eine gemeinschaftliche Stadtentwicklung auf Grundlage der Entscheidungen von Anwohnenden und am Gemeinwohl orientierten Genoss*innenschaften. Aufgrund der fehlgeleiteten Wohnraumpolitik der letzten Jahre, beispielsweise der voranschreitende Abbau von Sozialwohnungen in Hamburg und in anderen Städten, wird deutlich, dass eine Auseinandersetzung in Opposition zu derzeitigen Politiken und zu Unternehmen, die mit Wohnraum einzig das Ziel verfolgen Profite zu erwirtschaften, geführt werden muss. Wohnraum ist ein Menschenrecht und Rassismus ist keine Meinung. Daher kämpfen wir. Leise und laut, draußen und drinnen, online und offline, in Hamburg, Berlin, Mannheim und überall!

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